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Schmieriges Geschäft

In Kolumbien beruht die Palmöl-Produktion auf Gewalt und Korruption

Von Jochen Schüller

Die weltweite Nachfrage nach Palmöl – ein Rohstoff auch für Biotreibstoff – wächst stark. Die kolumbianische Regierung will deshalb die Produktion in den nächsten Jahren stark ausweiten. Doch das geht auf Kosten vieler Kleinbauern, die von ihrem Land vertrieben werden. Die Unternehmen behaupten, sie seien Sozial- und Umweltstandards verpflichtet. Doch kontrollieren lässt sich das in Kolumbien kaum.

Yesenia wurde auf der Flucht zur Welt gebracht. „Sie haben uns wegen der Ölpalmen von unserem Land vertrieben“, erzählt das elfjährige Mädchen und stochert mit einem Stöckchen im Sand. „Wir mussten im Wald leben und hatten Hunger.“ Mordend und brandschatzend hatten Armee und rechte Paramilitärs die Dörfer im Dschungel der Provinz Chocó im Nordwesten Kolumbiens überfallen, angeblich um die Guerilla zu bekämpfen. Doch Opfer der Gewalt wurde die Zivilbevölkerung: Tausende Menschen mussten aus ihren Häusern an den Flüssen Jiguamiandó und Curvaradó fliehen. Viele gingen in die Städte, andere versteckten sich im Wald. Mehr als elf Jahre ist das her.

Nach den Soldaten und Paramilitärs kamen die Palmöl-Produzenten. Mit Bulldozern und Baggern ebneten sie das Land ein. Hütten und kleine Felder wurden einfach untergepflügt, riesige Flächen Urwald gerodet. In Reih und Glied stehen heute dort buschige Ölpalmen. Schotterpisten durchziehen die endlosen Plantagen, Entwässerungskanäle zerschneiden die Landschaft und trocknen den sumpfigen Boden aus. Kunstdünger und Pestizide vergiften den Boden und die Flüsse.

Palmöl wird schon lange in der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie verwendet, zunehmend aber auch als Kraftstoff für Autos oder Kraftwerke. 36 Prozent des kolumbianischen Öls werden exportiert, vor allem nach Europa. Dort wird es raffiniert und weiterverkauft, zum Beispiel an die Betreiber von Heizkraftwerken. Rund ein Viertel der kolumbianischen Palmöl-Exporte wird von deutschen Abnehmern gekauft.

Seit der Vertreibung der Bauern aus Chocó vor elf Jahren haben sich Palmöl-Produzenten fast 30.000 Hektar Land gewaltsam angeeignet und größtenteils bepflanzt. Die starke Präsenz von Armee und Paramilitärs hat die Rückkehr der rechtmäßigen Eigentümer lange Zeit verhindert. Mit Hilfe der christlichen Menschenrechtsorganisation „Justicia y Paz“ haben die Vertriebenen an Orten, an denen noch keine Ölpalmen gepflanzt waren, „Friedensgemeinden“ gegründet. Die Landreformbehörde und die Regierung hatten die kollektiven Landtitel der Bauern zwar schon 2001 anerkannt, waren aber nicht bereit, den Besitzern eine sichere Rückkehr zu garantieren. Noch immer bedrohen Paramilitärs die afrokolumbianischen Gemeinschaften am Jiguamiandó und Curvaradó. Insgesamt wurden seit der Vertreibung 106 Bauern ermordet, fast alle Verbrechen blieben straflos.

Im vergangenen Jahr sind trotzdem mehrere Familien auf ihr Land am Curvaradó zurückgekehrt. „Früher war hier alles Urwald“, sagt Luis Alberto Renteria und zeigt auf die Palmöl-Plantagen, die bis zum Horizont reichen. „Im vergangenen August haben wir Palmen gefällt, auf insgesamt 35 Hektar“, berichtet er. Die Rückkehr fand mit 200 Unterstützern unter dem Schutz internationaler Begleiter statt. Nachdem Landwirtschaftsminister Felipe Arias im Juli 2007 angekündigt hatte, das Land werde den Bauernfamilien zurückgegeben, schufen diese Fakten.

Auch Don Enrique Petro ist heimgekehrt und hat mehrere vertriebene Familien auf seiner Finca aufgenommen. Zwei seiner Söhne waren ermordet worden, sein Wohnhaus blieb wie durch ein Wunder erhalten. Jetzt wird er – wie alle anderen Rückkehrer – von den Palmöl-Unternehmen als illegaler Landbesetzer betrachtet und von den Paramilitärs bedroht. Mit großen Schildern hat die Gemeinschaft ihre kleine Ansiedlung als „Humanitäre Zone“ und als „Zone der Biodiversität“ gekennzeichnet. „Justicia y Paz“ und Freiwillige der Peace Brigades International helfen diese Zonen zu schützen und alarmieren bei Bedrohung Unterstützer aus aller Welt.

Die Palmöl-Industrie hat versucht, sich von der Gewalt der Paramilitärs abzugrenzen. Im Herbst 2006 hob das größte Unternehmen der Region, Urapalma, seine soziale Verantwortung hervor: Der Kauf, die Bepflanzung und die Bewirtschaftung des Bodens seien im Einklang mit den Gesetzen geschehen. Doch ein knappes Jahr später platzte die Lüge. Es wurde bekannt, dass die Unternehmen durch Korruption an die angeblich legalen Landtitel gekommen waren. Nach der Vertreibung der Bevölkerung hatten die Palmöl-Firmen Notare und Beamte der Kataster- und Grundbuchämter bestochen; Kaufverträge, Urkunden und Akten wurden gefälscht oder manipuliert.

Landwirtschaftsminister Arias annullierte daraufhin unrechtmäßig erworbene Landtitel über 29.000 Hektar und forderte die Palmöl-Produzenten auf, staatliche Kredite zurückzuzahlen und den afrokolumbianischen Gemeinden ihr Land zurückzugeben. Das ist bislang nicht geschehen. Der Urwald wird sogar weiter abgeholzt. Seit Ende 2007 ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen 23 Unternehmer wegen Urkundenfälschung, gewaltsamer Vertreibung der Bevölkerung, Landraub und Zerstörung von Naturreservaten. Auch das Unternehmen Urapalma gehört dazu. Generalstaatsanwalt Mario Iguarán geht davon aus, dass die Paramilitärs die Bauern im Auftrag der Unternehmer vertrieben haben.

„Justicia y Paz“ fordert neben der Strafverfolgung der „Palmicultores“ auch Ermittlungen gegen die staatlichen Streitkräfte, die an der Vertreibung beteiligt waren. In 13 Provinzen Kolumbiens werden laut der Organisation „Human Rights Everywhere“ schwerste Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen in Verbindung mit der Palmöl-Produktion begangen: Die Unternehmen eignen sich gewaltsam Land an, sie vertreiben die Bevölkerung, ermorden Gewerkschafter und Führungsleute der Bauern- und Basisorganisationen, richten Massaker an, lassen Menschen „verschwinden“ und betreiben Geldwäsche.

Dennoch werden die Palmöl-Produzenten von der US-amerikanischen Entwicklungsbehörde USAID gefördert. Sie erhalten außerdem Unterstützung im Rahmen des „Plan Colombia“, des kolumbianisch-amerikanischen Programms gegen den Drogenanbau. Auch die Europäische Union habe in der Region des Magdalena Medio Palmöl-Projekte unterstützt, kritisiert „Human Rights Everywhere“.

Die Palmöl-Produktion passt sich ein in die gesellschaftliche Realität in Kolumbien: Politik und Wirtschaft sind vom Klientelismus geprägt, eine kleine Elite regiert das Land. Politik, Wirtschaft, Paramilitarismus und Drogenhandel sind eng miteinander verstrickt. Etliche Kommandanten der rechten Paramilitärs sind Bosse von Drogenringen. Das von der Regierung verabschiedete Gesetz zur Demobilisierung garantiert ihnen weitgehende Straffreiheit und schützt sie vor der Auslieferung in die USA, wo viele von ihnen wegen Kokainhandel angeklagt sind. Ein Gesetz sieht die Rückgabe von rund sechs Millionen Hektar Land vor, die sich die „Paras“ und ihre Hintermänner gewaltsam angeeignet haben. Es fehlen jedoch die Mittel und der politische Wille zur Durchsetzung des Gesetzes. Große agroindustrielle Projekte wie die Palmöl-Produktion sind ideal, um Profite aus dem Drogenhandel zu waschen.

Die „Palmicultores“ haben Beziehungen und Einfluss. Der Unternehmer Carlos Murgas Guerrero ist ein wichtiges Mitglied des Verbands der Palmöl-Produzenten FEDEPALMA. Von 1998 bis 2002 war er Landwirtschaftsminister unter Präsident Andrés Pastrana. Bei der Wahl 2006 unterstützen die „Palmicultores“ Präsident Álvaro Uribe mit Spenden. Er wurde wiedergewählt und ist jetzt regelmäßig Gast ihrer Versammlungen.

Ein gutes Beispiel für die Verflechtungen liefert der Fall „Carimagua“: Das Landwirtschaftsministerium will für 50 Jahre ein Gelände von 17.000 Hektar zur agroindustriellen Produktion von Palmöl und Kautschuk an vier Großunternehmer verpachten. Das Land in Carimagua sollte ursprünglich an 80 Familien von Vertriebenen verteilt werden. Die Zivilstaatsanwaltschaft hält die Umwidmung für verfassungswidrig, die Opposition wittert Korruption. Nach Presseberichten hatte ein Unternehmen den Präsidenten 2002 mit einer Wahlkampfspende unterstützt, ein weiterer Unternehmer ist mit dem Minister für Finanzen verwandt. Für die liberale Senatorin Cecilia López ist der Fall nur die „Spitze des Eisbergs“: Auch 700 Familien in Buga im Department Valle wurde Land versprochen, das sie nun doch nicht bekommen sollen.

Nach Prognosen des Landwirtschaftministeriums wird die Anbaufläche von Ölpalmen im Jahr 2008 um knapp neun Prozent auf etwa 357.000 Hektar wachsen. Präsident Uribe plant langfristig eine Ausweitung auf rund sechs Millionen Hektar, gefördert mit großzügigen Staatskrediten und Steuervergünstigungen. „Diese Mega-Plantagen würden weitere Vertreibungen von Bauern und eine Gegen-Agrarreform bedeuten“, so „Human Rights Everywhere“.

Der Verband FEDEPALMA hingegen hat Anfang April erklärt, dass große Flächen der wenig produktiven 21,5 Millionen Hektar Weideland für den Ölpalmen-Anbau nutzbar wären. Allerdings ist kaum vorstellbar, dass die traditionell mächtigen Viehzüchter dort ihr Land hergeben. Doch sollte die Palmöl-Produktion die Viehzüchter verdrängen, dann werden diese voraussichtlich in andere Gebiete ausweichen – weitere gewaltsame Vertreibungen oder die Zerstörung von Urwald wären die Folge. Laut „Human Rights Everywhere“ sind insgesamt 102 Reservate indigener Völker von der Ausbreitung der Palmöl-Plantagen bedroht.

FEDEPALMA verurteilt zwar Vertreibungen und grenzt sich scharf ab gegen Urapalma und andere Palmöl-Produzenten im Chocó, die keine Mitglieder sind. Aber die Unternehmen im Tumaco in der Provinz Nariño, die im März 2006 von der Staatsanwaltschaft zur Rückgabe von widerrechtlich angeeignetem Land verurteilt wurden, gehören dem Verband an.

Den Bedenken gegen den Palmöl-Anbau begegnet FEDEPALMA mit dem Verweis auf seine Mitgliedschaft im internationalen „Runden Tisch für nachhaltige Palmöl-Produktion“ (Round Table for Sustainable Palmoil Production, RSPO). Das 2004 eingerichtete Forum, dem neben Palmöl-Produzenten auch große Agrar- und Energiekonzerne wie Cargill, BP, Shell, Syngenta, Bayer und RWE sowie einige nichtstaatliche Organisationen wie Oxfam und der World Wide Fund for Nature (WWF) angehören, befürwortet eine Zertifizierung der Palmöl-Herstellung und hat Ende 2007 Kriterien dafür verabschiedet.

Allerdings sind laut Hildebrando Vélez vom kolumbianischen Umweltverband CENSAT die kolumbianischen Erfahrungen mit Zertifizierungen eher fragwürdig. „Trotz eines internationalen Siegels waren beispielsweise Zulieferer in der Holzindustrie in Menschenrechtsverletzungen verwickelt. Wir haben keine Hoffnung, dass eine Zertifizierung in der Palmöl-Produktion wirklich etwas ändern würde.“

Auch die afrokolumbianischen und indigenen Gemeinschaften sehen in einer Zertifizierung keinen Schutz für Mensch und Umwelt und lehnen die Palmöl-Produktion ab. Sie wollen ihrer traditionellen Landwirtschaft nachgehen. „Wir wollen Gerechtigkeit in Kolumbien“, fordert Don Erasmo Sierra, der Sprecher der Gemeinschaften am Fluss Jiguamiandó. „Und wir wollen unser Land zurück.“


Jochen Schüller
ist freier Journalist und lebt in Köln.

welt-sichten 5-2008