Schritte in Richtung „gläserne Organisation“
Hilfswerke stellen eine Initiative für mehr Transparenz vor
Nach dem Unicef-Skandal sorgen sich auch andere Hilfsorganisationen um ihren guten Ruf und um ihre Spendengelder. Die Deutsche Welthungerhilfe und die Kindernothilfe haben deshalb Anfang April in Berlin einen gemeinsamen Neun-Punkte-Plan für mehr Transparenz vorgelegt. Sie stoßen damit aber nicht überall auf Zustimmung.
Außer der Welthungerhilfe und der Kindernothilfe haben 14 weitere Hilfsorganisationen den Plan unterzeichnet – von der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) über Care und Oxfam bis zum Weltfriedensdienst. Die Stoßrichtung ist klar: Wer in seiner Arbeit glaubwürdig sein will, muss Rechenschaft über die ihm anvertrauten Mittel ablegen. Und wie Organisationen ihre Mittel verwenden, muss miteinander vergleichbar sein. Das gilt für die Werbe- und Verwaltungsausgaben ebenso wie für die Projektarbeit. Ziel ist die „gläserne Organisation“.
„Einheitliche Standards“ ist daher eine Forderung des Papiers. Es verlangt zudem, die Ausgaben für Projekte „in Bezug zur erzielten Wirkung (zu) setzen“. Gemeint sind insbesondere die Ausgaben für Werbung und Verwaltung: Sie dürfen nach den Regeln für das Spendensiegel des Deutschen Instituts für soziale Fragen (DZI) nicht über 35 Prozent liegen, sollten aber möglichst weit niedriger sein. Ein Anteil von maximal 20 Prozent gilt allgemein als akzeptabel. Das Neun-Punkte-Papier fordert außerdem, dass externe Gutachter die Projektarbeit evaluieren. Provisionen an Spendenvermittler – der Stein des Anstoßes bei Unicef – sollen offen gelegt werden.
Unterschiede zwischen kleinen und großen Organisationen
Die Schwierigkeiten dieser Vorgaben liegen im Detail. Das wurde bei einem Treffen von Hilfsorganisationen nach der Vorstellung der Transparenzinitiative Anfang April deutlich. Der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) hatte schon vorher darauf hingewiesen, dass nicht an alle Hilfsorganisationen die gleichen Kriterien angelegt werden könnten. Bei den 110 VENRO-Mitgliedern handele es sich um eine höchst „heterogene Gemeinschaft“ aus kleineren und großen Organisationen mit unterschiedlichen Arbeitsweisen und Standards. „Da muss“, sagt VENRO-Vorstand Bernd Pastors, „erst einmal eine Balance gefunden werden.“
Spendensammeln erfordert Verwaltungsaufwand
Das reicht von der Frage, was überhaupt unter Werbe- und Verwaltungsaufwand fällt, bis zum Problem, dass sich viele Organisationen – gerade die kleineren – externe Evaluierungen gar nicht leisten können. Und bei der Beurteilung der Verwaltungsausgaben muss berücksichtigt werden, ob Organisationen nur von Spendengeldern leben oder staatliche Zuschüsse erhalten, denn das Spendensammeln allein erfordert einen gewissen Verwaltungsaufwand.
Das gilt auch für die Fragen, wie stark sie mit bezahlten oder ehrenamtlichen Kräften arbeiten und worum es bei ihrer Projektarbeit überhaupt geht: Es ist schwerer, Geld für Blinde zu sammeln als für Überschwemmungsopfer in akuter Not. Auch sind die Arbeitsbedingungen in einer Bürgerkriegssituation andere als in einem relativ stabilen Staat mit funktionierenden Strukturen, erläutert DZI-Leiter Burkhard Wilke. Das Institut will die Kriterien für sein Spendensiegel weiterentwickeln und wird zudem Bemühungen der VENRO-Mitglieder um einen gemeinsamen neuen Verhaltenskodex für Hilfsorganisationen begleiten.
Die großen Hilfsorganisationen der Kirchen – Misereor, „Brot für die Welt“ und Diakonie Katastrophenhilfe – verweisen indes auf ihre eigenen Verhaltenskodizes. In ihren „Grundsätzen“ (Misereor) beziehungsweise ihrer „Selbstverpflichtung“ („Brot für die Welt“, Diakonie Katastrophenhilfe) für mehr Transparenz und gute Geschäftsführung seien viele Punkte des geplanten neuen Kodex längst enthalten. Wer einen Kodex will, sagt Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon, müsse auch definieren, „was normativ wichtig ist“. Es sei
zu wenig und „zu defensiv“, lediglich einige formale Transparenz- und Qualitätsregeln vorzugeben. Yvonne Ayoub von „Brot für die Welt“ bezeichnete das Neun-Punkte-Papier von Welthungerhilfe und Kindernothilfe als „Schnellschuss“.
VENRO-Vorstand Bernd Pastors sagt, immerhin hätten die beiden Organisationen „einen Stein ins Wasser geworfen“, und das sei hilfreich. Es gebe Nachholbedarf in der Transparenzfrage. Jetzt komme es darauf an, in einem „partizipativen Prozess“ so viele Organisationen wie möglich ins Boot zu holen. Zur VENRO-Mitgliederversammlung Ende des Jahres soll laut Pastors „Grundsätzliches“ vorliegen.
Johannes Schradi

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