Treibstoff für die Wirtschaft
Indien muss die Erzeugung von Energie in den nächsten 25 Jahren verdreifachen
Von Jyoti Parikh
Nur wenn Indiens Wirtschaft weiter um jährlich rund acht Prozent wächst, kann die Zahl der Armen gesenkt werden. Voraussetzungen sind der Ausbau der Infrastruktur und eine Ausweitung des Energieangebots. Dazu wird das Land vor allem auf Kohle zurückgreifen. Zudem müssen die ländlichen Armen Zugang zu moderner Energie bekommen.
Indiens Energiebedarf zu decken, ist eine gewaltige Aufgabe. Es gilt, ausreichend Energie auf umweltverträgliche Weise und zu marktgerechten Preisen bereitzustellen. Wenn das Land die Armut erfolgreich bekämpfen und seine Entwicklungsziele umsetzen will, dann muss seine Wirtschaft über die nächsten 25 Jahre ständig mit einer Rate zwischen 8 und 10 Prozent pro Jahr wachsen. Darüber hinaus muss der elementare Energiebedarf der Bevölkerung gedeckt werden. Viele Haushalte nutzen noch große Mengen selbst gesammelter Biomasse wie Holz, Dung und Abfälle aus der Landwirtschaft als Brennmaterial – mit negativen Folgen für Umwelt und Gesundheit. Daraus erzeugen sie zur Zeit so viel Energie wie es der Nutzung von rund 110 Millionen Tonnen Erdöl entspricht. Daran wird sich wenig ändern, wenn sie nicht durch spezielle Maßnahmen Zugang zu sauberen Brennstoffen erhalten.
Um das Wirtschaftswachstum zu ermöglichen und zugleich den Energiebedarf der Bevölkerung zu decken, muss Indien seine Produktion von Primärenergie in 25 Jahren um mindestens das drei- bis vierfache steigern und seine Stromerzeugungskapazität um das fünf- bis sechsfache. Gemessen am Stand von 2003 müssten das Angebot an kommerzieller Energie jährlich um 5,2 bis 6,1 Prozent zunehmen und die Gesamtmenge der verfügbaren Primärenergie (dies schließt traditionelle Brennstoffe ein) um 4,3 bis 5,1 Prozent pro Jahr. Die Stromerzeugungskapazität muss von zur Zeit etwa 160.000 Megawatt (MW) auf rund 800.000 MW gesteigert werden, private Anlagen mitgerechnet. Der Bedarf an Kohle, dem wichtigsten Brennstoff im indischen Energiemix, wird auf über zwei Milliarden Tonnen pro Jahr anwachsen.
Wie die gewaltige Aufgabe gelöst wird, ist von entscheidender Bedeutung für die Verwirklichung von Indiens wirtschaftlichen Wachstumszielen und für die Bestrebungen, die Lebensqualität der Bevölkerung zu heben. Für die Deckung des Energiebedarfs gibt es mehrere alternative Szenarien, darunter eines, bei dem Energieeffizienz und erneuerbare Energien gezielt gefördert werden.
Eine Ausweitung des Energieangebots erfordert umfangreiche Investitionen. Bei einem wirtschaftlichen Wachstum von 8 Prozent dürfte es nicht schwierig sein, die nötigen Mittel aufzubringen – besonders mit Hilfe öffentlich-privater Partnerschaften (ÖPPs). Die Hauptaufgabe besteht darin, leistungsstarke und finanziell lebensfähige Teilbereiche des Energiesektors zu schaffen, die den Anreiz für Investitionen in einem vom Wettbewerb bestimmten Umfeld bieten, während gleichzeitig die Belange der Konsumenten geschützt werden.
Kurzfristig muss in großem Umfang in die indische Infrastruktur investiert werden. Nach vorläufigen Berechnungen müssen im Zeitraum des 11. Fünfjahresplanes von 2007 bis 2011 die Investitionen in den Straßenbau, das Schienennetz, den Luft- und Schiffsverkehr, die Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Energie, die Telekommunikation, die Wasserversorgung, in Bewässerungsanlagen und Wasserspeicherung von 4,6 auf etwa 8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Etwa die Hälfte des Zuwachses der Gesamtinvestitionen, die erforderlich sind, um das Wachstum von 7 auf 9 Prozent zu steigern, muss in die Infrastruktur fließen. Das belastet die öffentlichen Haushalte.
Öffentlich-Private Partnerschaften (ÖPPs) bieten hier bedeutende Vorteile: Sie lenken privates Kapital in den Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und tragen zu einer besseren Versorgung der Verbraucher bei. In Industrie- und Entwicklungsländern entwickeln sie sich zunehmend zum bevorzugten Modell für den Aufbau und den Betrieb der Infrastruktur im Energiebereich, bei den fossilen Brennstoffen, den erneuerbaren Energien und auch beim Bau von Straßen, Flughäfen und Häfen.
ÖPPs funktionieren am besten mit standardisierten Verträgen, die verlässliche politische Rahmenbedingungen schaffen, so dass Investoren sich mit niedrigen Risikoprämien begnügen können. Ein Mustervertrag für ÖPPs im Straßenbau wurde in Indien zum Beispiel schon genehmigt und veröffentlicht. Transparente Verfahren, die Beteiligung aller Betroffenen und ein echter Wettbewerb um die Aufträge fördern die Akzeptanz für ÖPP-Projekte. Auch starke Kontrollorgane stärken das Vertrauen der Öffentlichkeit. Der Aufbau einer glaubwürdigen Kontrollinstanz wird freilich längere Zeit in Anspruch nehmen.
Indiens Energieversorgung bleibt unzureichend, solange die Bevölkerung nicht zuverlässig mit Energie für die Befriedigung elementarer Bedürfnisse versorgt wird. Obwohl ein großer Teil der Investitionen in den Energiesektor fließt, ist es eine der schwierigsten Aufgaben, Energie und saubere Brennstoffe für alle zur Verfügung zu stellen. Besonders die ländliche Bevölkerung ist benachteiligt. Sie hat geringe finanzielle Möglichkeiten, und saubere Brennstoffe, die zum Kochen benutzt werden können, sind knapp.
Für das Sammeln und Transportieren von Biomasse und Kuhdung und deren Aufbereitung für den häuslichen Gebrauch muss beträchtliche Mühe aufgewendet werden, die nicht in die Kosten eingerechnet wird. Diese Brennstoffe verschmutzen zudem die Luft in den Wohnräumen mit Rauch und schaden der Gesundheit, vor allem der von Frauen und Kindern, die die Hauptlast der Hausarbeit tragen. Wenn keine sauberen Brennstoffe verfügbar sind, behindert das die Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele im Bereich der Mädchenbildung, der Kindersterblichkeit, der Umwelt, der Frauenemanzipation und der Gesundheit.
Damit private Haushalte verlässlich mit Energie versorgt werden können, sind zudem zweck- und personengebundene staatliche Zuschüsse notwendig. Denn viele Familien können den Preis für sichere, saubere und komfortable Energie für ihre Grundbedürfnisse nicht bezahlen. Die indische Regierung hat sich verpflichtet, bis spätestens 2010 alle privaten Haushalte mit Strom zu versorgen. Mit Hilfe des Programms „Rajiv Gandhi Grameen Vidyutikaran Yojana“ sollen die 125.000 Dörfer, die noch keinen Strom haben, Elektrizität erhalten. Für schätzungsweise 23,4 Millionen Haushalte, die unterhalb der Armutsgrenze leben, soll der Anschluss ans Netz zu 90 Prozent subventioniert werden. Außerdem soll in 462.000 Dörfern das noch rudimentäre Stromnetz ausgebaut werden. Die Regierung erwartet, dass die 546 Millionen Haushalte oberhalb der Armutsgrenze, die noch keine Stromversorgung haben, den Anschluss auf eigene Kosten herstellen lassen. Nach den bisherigen Erfahrungen ist aber davon auszugehen, dass dies nicht alle tun werden.
Als zweites Ziel wird anvisiert, in den kommenden zehn Jahren die gesamte Bevölkerung mit sauberer Energie zum Kochen zu versorgen, zum Beispiel mit flüssigem Propangas, Erdgas, Biogas oder Kerosin. Wenn 1,5 Milliarden Menschen mit Propangas kochen, sind dafür etwa 55 Megatonnen Erdöl-Einheiten nötig – der Energiebedarf für das Kochen steigt nicht mit dem Einkommen ständig weiter. Die beste Art, Zuschüsse zu Strom und saubereren Brennstoffen zu gewähren, wäre, armen Haushalten monatlich 30 Stromeinheiten sowie 6 Kilogramm Propangas oder den entsprechenden Wert Biogas oder Kerosin zur Verfügung zu stellen. Die Zuschüsse könnten mit Hilfe von Kundenkarten verteilt werden und dürften nur für den Kauf dieser Produkte in Anspruch genommen werden.
Wer keinen Zugang zu sauberem Brennstoff hat oder ihn auch mit Subventionen nicht bezahlen kann, ist weiterhin darauf angewiesen, Holz zu sammeln. In der unmittelbaren Umgebung von Siedlungen sollten deshalb Feuerholzplantagen angelegt werden. Das würde die Mühe und den Zeitaufwand für das Sammeln und Transportieren von Feuerholz verringern. Diese Aufgabe können Selbsthilfegruppen von Frauen übernehmen, die dadurch von bloßen Holzsammlerinnen zu Kleinstunternehmerinnen auf dem ländlichen Energiemarkt und im Energie-Management werden können. Verbesserungen an den Kochherden, um Energie zu sparen, und eine bessere Belüftung der Orte, an denen gekocht wird, müssen ebenfalls gefördert werden.
Mit Hilfe von Holzvergasungsanlagen lässt sich zudem dezentral Strom erzeugen. So könnten viele Dörfer früher mit Strom versorgt werden als durch den Anschluss ans Stromnetz. Das würde die Stromerzeugung vor Ort fördern. Künftig könnte die zusätzliche Energie außerdem zu einem vereinbarten Tarif ins Netz eingespeist werden. Für die dezentrale Stromerzeugung müssen sowohl für Privathaushalte als auch für Produktionsbetriebe – einschließlich landwirtschaftlicher – Tarife entwickelt werden. Um den Aufbau einer netzunabhängigen Stromerzeugung auf dem Land zu erleichtern, sollten öffentliche und private Unternehmen aufgefordert werden, einzelne Dörfer in ihrem Bereich speziell zu fördern.
Ein wichtiger Gesichtspunkt für die künftige Energiepolitik ist der Klimawandel. Indien ist unter dem Kioto-Protokoll nicht verpflichtet, seine Treibhausgas-Emissionen zu beschränken. Aber als Unterzeichner der UN-Klimarahmenkonvention, die 1994 in Kraft getreten ist, und des Kioto-Protokolls hat das Land zahlreiche Projekte unter dem Clean Development Mechanism (CDM) vorgeschlagen. Der CDM erlaubt es Industrieländern, die sich zu Minderungen ihrer Emissionen verpflichtet haben, dies teilweise dadurch zu erfüllen, dass sie in armen Ländern investieren – etwa in effiziente Energietechnik. Bis Februar 2008 wurden in Indien insgesamt 297 CDM-Projekte genehmigt, die zu einer Einsparung von 240 Millionen Tonnen Treibhausgas-Emissionen führen sollen.
Weitere Initiativen könnten die in Indien verursachten Treibhausgase bis zu einem Drittel verringern. Hierzu gehören die Förderung der Energieeffizienz, die Bevorzugung der öffentlichen Verkehrsmittel, die aktive Förderung der erneuerbaren Energien einschließlich Bio-Treibstoffe und Feuerholzplantagen sowie der beschleunigte Ausbau von Atom- und Wasserkraftwerken. Darüber hinaus sollten eine Technologie für die Abscheidung des Kohlendioxids aus den Abgasen der Kohlekraftwerke (emissionsfreie Kohlenutzung) entwickelt und die Forschung auf dem Gebiet klimafreundlicher Technologien verstärkt werden. Indien kann seinen Energiebedarf auf effiziente und kostengünstige Weise decken und sich auf den Weg zu einer umweltverträglichen, nachhaltigen Energiesicherheit begeben.
Aus dem Englischen von Anna Latz.
Jyoti Parikh
leitet das Institut Integrated Research and Action for Development in Neu-Delhi. Dieser Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder.
Biodiesel aus Jatropha
Mit Hilfe einer Nuss will Indiens Regierung ihr Energieproblem entschärfen. In großem Maßstab möchte sie die Purgiernuss (Jatropha curcas) anbauen und deren Öl als Treibstoff verwenden lassen. Der Nahrungsproduktion soll das aber keine Konkurrenz machen: Nur „wasteland“, Flächen, die nicht landwirtschaftlich genutzt werden, sollen mit Jatropha bepflanzt werden.
Die Purgiernuss ist ein Strauch von bis zu sechs Metern Höhe. Er wächst auch auf schlechten Böden, übersteht Dürren von mehreren Jahren und ist kaum anfällig für Schädlinge. Die Früchte enthalten giftiges Öl, das Erbrechen und Durchfall verursacht. Es kann direkt in besonders ausgerüsteten Motoren verbrannt oder aufbereitet und in üblichen Dieselmotoren verwendet werden.
Mittelfristig soll damit bis zu einem Fünftel des indischen Dieselbedarfs gedeckt werden. Das Landwirtschaftsministerium in Neu-Delhi fördert in einer Pilotphase seit 2007 zunächst den Anbau von Jatropha auf 500.000 Hektar: auf degradiertem Wald, Feldrainen und Brachen in öffentlichem Besitz sowie auf ungenutztem Land von Kleinbauern. Später sollen bis zu elf Millionen Hektar, das sind rund 3,5 Prozent der Landfläche Indiens, mit Purgiernuss bepflanzt werden. Das Programm soll Kleinbauern ein Zusatzeinkommen bieten und Arbeitsplätze schaffen, da die Nüsse nicht maschinell geerntet werden können.
Dass Indien auf Biotreibstoff hofft, ist verständlich: Sein Erdölverbrauch ist von 1971 bis 2005 auf das sechsfache gewachsen. Inzwischen müssen rund zwei Drittel des Bedarfs importiert werden, Tendenz weiter steigend. Bei der Stromerzeugung setzt das Land auf heimische Energiequellen – Kohle trägt die Hälfte bei, Wasserkraftwerke ein Viertel und erneuerbare Energien knapp acht Prozent. Aber als Treibstoff sind Diesel und Benzin bisher kaum zu ersetzen. Würde die Purgiernuss ein Fünftel des Bedarfs decken, dann würden die Versorgungssicherheit erhöht, Devisen gespart und weniger Treibhausgase ausgestoßen.
Doch die Hoffnung könnte trügen. Indien besitzt zwar Millionen Hektar ungenutztes Land, auf dem Jatropha wachsen kann. Doch wie viel Öl der Strauch auf kargen Böden liefert, ist laut einer Studie der Universität Wageningen vom Oktober 2007 unklar. Hohe Erträge bringt auch die Purgiernuss an ungünstigen Standorten nur, wenn sie gedüngt und bewässert wird. Der Anbau in großem Maßstab könnte also in Konkurrenz zur Nahrungsproduktion geraten – zumal ein Teil des „wasteland“ bereits genutzt wird, etwa als Weide. Zudem ist ungeklärt, wie wirtschaftlich der Anbau ist.
(bl)
