Was heißt „Linksruck“ in Lateinamerika?
Peter Birle, Detlef Nolte und
Hartmut Sangmeister (Hg.)
Demokratie und Entwicklung in Lateinamerika
Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 2006,
573 Seiten, 44 Euro
Der „Linksruck“ nach den Wahlen der Jahre 2005 und 2006 in Lateinamerika hat auch in Deutschland das Interesse an dem Subkontinent wiederbelebt. Dem wachsenden Bedürfnis nach Hintergrundinformationen trägt dieses Buch Rechnung. Es bietet eine sehr gute Einführung in aktuelle politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen Lateinamerikas, ohne deren historische Wurzeln zu vernachlässigen.
Namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler betrachten zentrale Themen der lateinamerikanischen Realität. So wird etwa der Zustand der Demokratie untersucht und aufgezeigt, ob sie – mehrere Jahre nachdem in fast allen Staaten Lateinamerikas die Diktaturen beseitigt wurden – heute schon genügend gefestigt ist. Denn die demokratisch gewählten Regierungen haben zwar viel versprochen, aber nur einen Teil davon gehalten. Überzogene Erwartungen wurden enttäuscht, die erste Euphorie, siehe Brasilien, ist bereits wieder verflogen. Das bereitet den Nährboden für anti-demokratische Kräfte.
Die durchweg informativen Analysen befassen sich auch mit den historischen Wurzeln der politischen Systeme sowie mit Feminismus und Internationalismus in Lateinamerika. Das Verhältnis von Demokratie zu Marktwirtschaft wird analysiert und die Zusammenhänge zwischen politischer Herrschaft, politischen Transformationsprozessen und sozioökonomischer Entwicklung herausgestellt. Weitere Beiträge beschäftigen sich mit zwischenstaatlichen Beziehungen, der regionalen Integration und Kooperation sowie mit grenzüberschreitender Migration.
Schließlich werden wichtige Aspekte von sozialer Transformation und Entwicklung in Lateinamerika behandelt, etwa die Wissensgesellschaft, die Innovationspolitik und die Regional- und Stadtentwicklung. Besonders lesenswert sind die Ausführungen zu Pablo Nerudas Gedichtsammlung „Fin de mundo“ aus dem Jahr 1969, zu den bemerkenswerten Leistungen des kubanischen Steuersystems sowie zur Außenpolitik Mexikos im Schatten der USA. Drei der 20 Beiträge sind in Spanisch, einer in Portugiesisch verfasst. Dem Lateinamerikainteressierten dürfte das jedoch wenig Schwierigkeiten bereiten.
Das Buch macht klar, dass vorschnelle Einschätzungen vom Typ „Linksruck“ oder verallgemeinernde Aussagen über die Zukunft Lateinamerikas fehl am Platz sind – auch wenn sich der Subkontinent wirtschaftlich wieder in etwas ruhigerem Fahrwasser befindet und die Demokratie eine gewisse Stabilität erreicht hat. Lateinamerika bleibt spannend.
Thomas Molitor
