Blick über Europas Tellerrand
Shalini Randeria und Andreas Eckert
Vom Imperialismus zum Empire
Nicht-westliche Perspektiven auf Globalisierung
Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main 2009,
338 Seiten, 14 Euro
Vielen Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika erscheine die Globalisierung als erneute Kolonialisierung ihrer Zukunft, schreiben die Ethnologin Shalini Randeira und der Historiker Andreas Eckert in ihrem Vorwort zu diesem Sammelband. Der Imperialismus habe sich stets als wichtigstes, wenn auch umstrittenes Konzept erwiesen, um die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Rest der Welt zu beschreiben. Die beiden Herausgeber haben es deshalb als strukturierenden Rahmen verwendet, um Prozesse der Globalisierung aus nicht-westlicher Perspektive zu betrachten: vor dem Hintergrund von jahrzehntelanger Ausbeutung und Fremdherrschaft.
Damit wollen sie die historische Dimension in den Blick rücken, die in den meisten Debatten über die Globalisierung zu kurz komme. Und sie möchten den Blick über den europäischen Tellerrand weiten. Die Themen bewegen sich in einem breiten Spektrum zwischen Fragen der Rechtsordnung, guter Regierungsführung, Einfluss der Zivilgesellschaft sowie Eingriffen von internationalen Organisationen wie der Welthandelsorganisation, des Internationalen Währungsfonds (IWF) der und Weltbank. Das Buch erhebt jedoch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Auch sind die Regionen nicht gleich gewichtig vertreten: Der Schwerpunkt liegt auf Afrika, Südasien kommt wenig, Lateinamerika gar nicht vor.
Wie andere Sammelbände hat das Buch den Vorteil, dass Leserinnen und Leser es immer wieder in die Hand nehmen können - sie können sicher sein, je nachdem, was sie gerade interessiert, auf einen spannenden Beitrag zu stoßen. Zum Beispiel auf den Aufsatz von Ivan Krastev über die Art und Weise, wie der IWF die globale Antikorruptionspolitik genutzt hat, um seine Strukturanpassungsprogramme zu rechtfertigen. Oder die Beschreibung Timothy Mitchells, mit welcher Art „Hilfe" die USA Ägypten ohne jegliche Sensibilität für die kulturellen und gesellschaftlichen Gegebenheiten des Landes zu ihrem „Objekt der Entwicklung" gemacht haben.
Nancy Sheper-Hughes und Vinh-Kim Nguyen erörtern die Entstehung eines neuen biopolitischen Regimes, die Auswirkungen der Globalisierung auf den Körper des Einzelnen.
Sheper-Hughes zeichnet in ihrem Beitrag über transnationalen Organhandel das düstere Bild einer kannibalistischen Weltordnung: Damit die Armen überleben können, müssen sie ihre Organe verkaufen - weil ihre Arbeitskraft niemand mehr haben will. Nguyen hingegen entlässt die Leserinnen und Leser mit einem hoffnungsvolleren Bild: Im Zuge der Betreuung und Versorgung von HIV-Infizierten und Aids-Kranken in Westafrika hat er das Aufkeimen einer „therapeutischen" Bürgerschaft beobachtet. Infizierte, Kranke und Aktivisten organisierten sich zunehmend in Graswurzelbewegungen. Das verleihe ihnen die Kraft, über die Grenzen hinweg lautstark ihre Forderungen nach Zugang zu erschwinglichen Medikamenten zu artikulieren.
Gesine Wolfinger
