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Die Magie der Moderne

Die Förderung traditioneller Riten sollte nicht einfach als Rückschritt abgetan werden

Von Peter Strack

In den Anden versuchen einheimische Entwicklungsorganisationen, traditionelle Riten wieder zu beleben. Viele Hilfswerke betrachten es als heikel, so etwas zu unterstützen - fördern sie damit nicht die Rückkehr zu vormodernen und irrationalen Denkweisen? Leicht geraten dabei aber die irrationalen Züge moderner Vorstellungen aus dem Blick.

Die Bauern in den Anden sind Meister der Landwirtschaft unter extremen Bedingungen. Bereits für ihre Kinder ist es wichtig, die Zeichen der Natur lesen zu können, um frühzeitig auf klimatische Veränderungen zu reagieren. Entwicklungsorganisationen unterstützen traditionelle Fertigkeiten bereitwillig, etwa den Austausch von Saatgut zwischen bäuerlichen Gemeinden. Kritisch wird es jedoch, wenn Projektpartner Mittel beantragen, um Koka oder Maisbier für religiöse Rituale zu kaufen. Hieße solche Hilfe nicht, Praktiken künstlich am Leben zu erhalten, die von den Betroffenen selbst offenbar gar nicht mehr so ernst genommen werden, dass sie sich selbst darum kümmern? Ist solche Unterstützung gar eine Zweckentfremdung von Spenden an eine Hilfsorganisation, die sich der religiösen und weltanschaulichen Neutralität verpflichtet hat? In den traditionellen andinen Landgemeinden stellt sich diese Frage nicht. Sie haben weder die Trennung von Religion einerseits sowie von Politik und Wirtschaft andererseits vollzogen, noch die religiöse Deutung und Lenkung des Lebens durch rationales Denken ersetzt. Die Aymara oder Quechua würden sich eher wundern, wie man die Ernährung der Menschen sichern will, ohne den wichtigsten Faktor zu berücksichtigen: das Wohlwollen und Wohlbefinden der Pachamama, der Mutter Erde. Weltanschauliche Neutralität kann hier nur heißen, dass Hilfsorganisationen dieses Denken respektieren, statt von den Bauern zu erwarten, ein säkularisiertes Weltbild zu übernehmen.

Respekt vor der anderen Kultur bedeutet aber noch keinen Auftrag, sie explizit zu fördern - schon gar nicht in den Gemeinden, die sich von der traditionellen Kultur ab- und moderneren Lebensformen zuwenden. Und das ist heute die Mehrzahl. Gerade an sie richtet sich etwa das peruanischen Netzwerk von Initiativen zur Stärkung der andinen Agrarkultur. Es versucht damit, ein Gegengewicht zu schaffen gegen die Propaganda der westlichen Industriegesellschaften. Das städtische Leben ist das Leitbild der meisten Schulbücher in Peru, Wissenschaft hat den höchsten Stellenwert, traditionelle Weisheit wird als Aberglaube abgetan. Hochleistungssorten und Agrarchemie sollen den Wohlstand sichern, der traditionelle und biologische Anbau hingegen wird vernachlässigt. Es ist durchaus legitim, vor diesem Hintergrund traditionelle Alternativen zumindest sichtbar zu machen.

Entwicklungsprojekte mischen sich in dörflichen Gemeinden mit Ideen ein, denen dort möglicherweise keine besondere Bedeutung beigemessen wird. Aber ist etwa die politische Beteiligung von Kindern und Frauen oder die Verbreitung von solarbetriebenen Herden zur Schonung der Wälder schon deshalb falsch, weil die Bauern dem keine Priorität einräumen? Wohl kaum. Wenn aber von Entwicklungsorganisationen aus der Fremde solche Angebote gemacht werden dürfen, dann sollten erst recht peruanische Initiativen zur Stärkung andiner Agrarkultur einschließlich traditioneller Riten gestattet sein.

Die traditionellen Kleinbauern der Anden sind nicht nur religiös und bewegen sich in einer Welt voller sakraler Wesen und Orte. Sie sind auch Pragmatiker. Sie probieren Neuerungen in kleinem Maßstab und entscheiden anhand der Ergebnisse, welche sie annehmen - den Sprenkler zur sparsamen Bewässerung, das Handy, die Grassorte aus dem Nachbarland oder eben auch ein spezielles Ritual aus der Nachbargemeinde. Und was verbessert das Leben in den Anden tatsächlich, wofür sollen die knappen Mittel ausgegeben werden? Hat das Opferritual beim Dorf Conima am Titicaca-See wirklich den Regen gebracht, den die Bauernfamilien so dringend benötigten? Oder vielleicht hat dieses „Gespräch mit den Wolken" den Zusammenhalt der Gemeinde gestärkt, damit sie der Trockenheit gemeinsam besser begegnen kann. Gewiss war nur, dass die von Ingenieuren aus der Stadt empfohlenen Eukalyptuspflanzungen das Gegenteil bewirkt hatten: Austrocknung und Verlust wertvollen Ackerlandes.

Modernisierungstheoretiker postulieren die Steigerung von Effizienz durch gesellschaftliche Ausdifferenzierung. Dazu gehört die Säkularisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Götter oder Mutter Natur haben in der Moderne nichts zu sagen. In der religiösen und kulturellen Sphäre wird dagegen Sinn und Zusammenhalt gestiftet. In Südamerika müssen Dorfobere oder wohlhabende Familienangehörige als Paten (»Pasantes«) für die Kosten eines Festes aufkommen. Damit wird verhindert, dass die Gesellschaft den Zusammenhalt verliert. Angesichts der Weltfinanzkrise lässt sich fragen, was wünschenswerter ist: die Vernichtung privaten Eigentums zur Stärkung des persönlichen Ansehens in einer mit der Natur verbundenen Gemeinschaft oder aber die Vernichtung von öffentlichen Gütern zur Rettung eines Wirtschaftssystems, das die Kluft zwischen Reich und Arm immer weiter vergrößert und das globale Ökosystem an die Grenzen der Belastbarkeit führt.

Und bringt der Aufwand für Planung und Berichterstattung nach dem Logical-Framework-Modell in der Entwicklungszusammenarbeit wirklich mehr als eine gigantische Vernichtung von persönlichen, materiellen und finanziellen Ressourcen? Das Modell stärkt die Rolle der Experten und ersetzt das Verständnis einer andinen Gemeinde vom komplizierten Zusammenwirken aller natürlichen Wesen durch die simple Vorstellung, zwischen einer Ursache und einem Ergebnis gebe es einen einfachen linearen Zusammenhang. Es wird immer wieder behauptet, die Logframe-Planung verbessere die Wirkung von Projekten. Empirische Belege dafür gibt es jedoch ebenso wenig wie für die Wirksamkeit der andinen Rituale. Es geht nicht nur um Verständigungsprobleme zwischen Kulturen, sondern auch um Machtfragen.

Wer sich als Protagonist des Fortschritts versteht, der sieht die Probleme eher in fehlender Modernität und seinen Auftrag in der Überwindung solcher Defizite. Zu häufig hat man schließlich erfahren, dass mit Argumenten der Religion Menschenrechte verletzt oder Machtinteressen durchgesetzt wurden. Aber selbst Jürgen Habermas, der an einem universellen Projekt der Moderne festhält, weist auf die Gefahren hin, die entstehen, wenn die instrumentelle Logik zu stark wird, die kulturelle Sphäre „kolonisiert" und den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet. „Wir wollen beides Wissen" ist daher eine Devise der Gruppen zur Stärkung andiner Agrarkultur. Gemeint ist das technisch-instrumentelle Wissen der modernen westlichen Industriegesellschaft ebenso wie das agrozentrische Weltbild traditioneller Bauerngemeinden.

Wie aber sieht es umgekehrt aus, wenn wir feststellen, dass die westlichen Industriegesellschaften bei allen Verdiensten etwa um Bürgerrechte oder Wissenschaft nicht unbedingt die soziale Integration und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen am besten gewährleisten? Ob mit Entwicklungsgeld hier oder dort ein Beutel Koka oder Chicha-Wein für religiöse Rituale gekauft wird, ist angesichts der Weltwirtschafts- und  ­­-ernährungskrise eine Nebendebatte. Die Krise rückt die Vernichtung von Ressourcen in einer wenn nicht aus dem Gleis geratenen, so doch schlecht gemanagten Moderne in den Fokus. Die andinen Gemeinden mögen für die Probleme europäischer Länder keine Lösungen parat haben. Aber ihr Wissen und ihre Kultur könnten auf der Suche nach eigenen Lösungen behilflich sein.


Peter Strack
ist Pressereferent von terre des hommes und war von 1996 bis 2006 Leiter des Regionalbüros Anden­staaten. Der Beitrag gibt seine persönliche Auffassung wieder.

welt-sichten 05-2009