Heilsame Reise durch ein feindliches Land
Der Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin" bietet einen ungewöhnlichen Blick auf den Nahost-Konflikt
„Das Herz von Jenin"
Regie: Leon Geller und Marcus Vetter
Deutschland/Israel 2008, 89 Minuten,
Verleih: Arsenal
Seit Jahrzehnten schwelt der Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern - scheinbar ausweglos. Der Dokumentarfilm „Das Herz von Jenin" verdient deshalb umso größere Beachtung. Der deutsche Regisseur Marcus Vetter und sein israelischer Kollege Leon Geller schildern darin ebenso einfühlsam wie prägnant die Aufsehen erregende Versöhnungstat eines palästinensischen Vaters und deren Folgen. Der Film läuft am 7. Mai in Deutschland an.
Am 5. November 2005 spielt der zwölfjährige Ahmed Khatib mit Freunden im Flüchtlingslager Jenin im Westjordanland, das als wichtige Rekrutierungsstätte für Selbstmordattentäter gilt. Bei einer Razzia hält ein israelischer Soldat Ahmeds Plastikgewehr für echt und schießt. Der Palästinenserjunge wird tödlich am Kopf getroffen. In einem Krankenhaus im israelschen Haifa können die Ärzte nur noch seinen Hirntod feststellen. Sein Vater Ismael willigt ein, die Organe Kindern in Israel zu spenden. Ein Baby stirbt kurz nach der Transplantation, doch fünf andere Kinder werden gerettet. Der Fall macht Schlagzeilen.
Zwei Jahre später bricht Ismael auf, um die Kinder kennenzulernen. Drei von ihnen kann er besuchen: An der Grenze zum Libanon trifft er das Drusenmädchen Sameh, das Ahmeds Herz erhalten hat. In der Wüste Negev begegnet er dem Beduinenjungen Mohammed, der dank der neuen Niere nicht mehr täglich zur Dialyse muss. Den schwierigsten Besuch absolviert Ismael in Jerusalem bei Menuha Levinson, der Empfängerin der zweiten Niere und Tochter eines ultra-orthodoxen Ehepaars. Ihr Vater Yaakov hatte bei der Operation offen erklärt, dass ihm ein jüdischer Spender lieber gewesen wäre. Im Film bedauert er diese Äußerung, die Begegnung mit Ismael gestaltet sich gleichwohl sehr schwierig. Vetter und Geller begleiten Ismael auf dieser heiklen Reise durch das „feindliche" Israel, die für den 42-jährigen Vater eine befreiende Wirkung hat: Durch die Begegnungen mit den Kindern kommt er seinem verlorenen Sohn wieder nahe. Angesichts seiner Vergangenheit wiegt Ismaels Entscheidung umso schwerer: Er war früher selbst im palästinensischen Widerstand aktiv und saß mehrfach in israelischen Gefängnissen. Zwei Mal verlor er durch israelische Militäraktionen seine berufliche Existenz, zuerst einen Textilladen, später eine Autowerkstatt.
Der Film ist aus der Perspektive des Palästinensers erzählt, damit rückt die israelische Sichtweise automatisch in den Hintergrund. Das Regieduo bettet die bewegende Geschichte geschickt in das gesellschaftliche Umfeld ein, das auf beiden Seiten von Misstrauen und Hass geprägt ist. Historische TV-Aufnahmen zeigen etwa die Tatorte palästinensischer Bombenleger und die Zerstörung des Flüchtlingslagers durch die israelische Armee. Die Kamera registriert aufmerksam, wie schwer sich die strenggläubige Familie Levinson tut, ihre tief sitzenden Vorurteile und Ängste gegenüber den Arabern zu überwinden. Ismael wiederum musste sich anfangs in Jenin fragen lassen, warum er dem Feind helfe. Den Kritikern hält er entgegen: „Mein menschliches Handeln hat die Israelis irritiert. Das ist etwas viel Größeres, als einen Soldaten zu töten. Glaubst du, es hat den Israelis gefallen, was ich getan habe?"
Die Frontlinien der Politik sind auch an den beiden Filmemachern nicht spurlos vorbeigegangen. In der Zielsetzung, „Vorurteile abzubauen" und „Hoffnung zu geben" waren sie sich zwar einig. Während jedoch der jüdische Nachwuchsregisseur Geller den Schwerpunkt vor allem auf die Beziehung zwischen Ismael und Sameh legen wollte, ging es für den renommierten Dokumentarfilmer und dreifachen Grimme-Preisträger Vetter darum, „alle Stationen des Vaters bei seiner Reise zu verfolgen und auch den Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis zu zeigen".
Vetter hat sich weitgehend durchgesetzt, was dem Film nicht nur eine größere analytische Tiefenschärfe und politische Relevanz ermöglicht, sondern dem Publikum auch mehr Anregungen zum Nachdenken und zur Diskussion gibt. „Das Herz von Jenin" hat mehrere Auszeichnungen erhalten, darunter den Publikumspreis auf dem Filmfestival Dubai 2008 und im Februar 2009 in Berlin den „Cinema for Peace Award" als bester Dokumentarfilm.
Reinhard Kleber
