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Hüter und Täter: Polizisten in Lateinamerika

Carola Schmid
Korruption, Gewalt und die Welt der Polizisten
Deutschland, Chile, Bolivien und  Venezuela im Vergleich
Verlag Vervuert,
Frankfurt am Main 2007,
424 Seiten, 48 Euro


Wer irgendwo in Lateinamerika vorträgt, dass die deutsche Polizei seit vielen Jahren in Umfragen nach der „vertrauenswürdigsten Institution des Staates" auf dem ersten Platz steht, der erntet höhnisches Gelächter. Es richtet sich gegen die dortige Polizei, die in den meisten Ländern des Kontinents auf einem der letzten Plätze landen würde. Ob man in Lateinamerika überhaupt von Rechtsstaaten in unserem Sinne sprechen darf, fragt Carola Schmid im Vorwort ihres Buches.

Der deutsche Leser könnte sich fragen, was denn die Polizei seines Landes in dieser Habilitationsschrift zu suchen hat. Laut der Autorin dient sie als „Kontrastfolie". Der Vergleich helfe dabei, internationale Konstanten in der Einstellung von Polizisten aufzuspüren, die in der Institution begründet liegen, und schütze davor, diese vorschnell auf lateinamerikanische Besonderheiten zurückzuführen. Der methodische Ansatz ist spannend, wohl selten dürfte die Beschreibung eines Untersuchungsplans so griffig formuliert worden sein. Schmid hat ihre Befragung auf die Schutzpolizei der Hauptstädte von Bolivien, Chile und Venezuela eingegrenzt. Für ihre Feststellungen über die deutsche Polizei greift sie auf vorliegende Untersuchungen zurück.

Anlass der Studie sind Rechtsverstöße von Polizisten, Fälle also, in denen Polizeibeamte von Hütern der Rechtsordnung zu Straftätern werden. Zunächst werden die Geschichte und Struktur der Polizeikräfte vorgestellt, danach die Perspektiven der Polizisten im Alltagsdienst abgefragt. In der abschließenden Analyse werden Korruption und von der Polizei ausgeübte Gewalt näher betrachtet. Die Spannbreite der Erkenntnisse ist groß. So geht etwa seit Einführung der demokratischen Verfassung in Chile die Polizeigewalt zurück. Korruption in der Polizei ist nicht unbedingt an geringe Bezahlung gebunden; die Korruption in Chile ist mit der in Deutschland vergleichbar; Gewaltmonopol und Steuermonopol sind aufeinander angewiesen.

Schmid kommt zu dem Ergebnis, dass nicht „die" lateinamerikanische Polizei brutal ist. Polizisten haben offensichtlich international, nicht nur in Südamerika, viel gemeinsam. Hier zeige sich die prägende Kraft dieser „Spezialagentur fürs Grobe", die sich darin von allen anderen Institutionen unterscheidet, dass ihre Mitglieder Gewalt ausüben dürfen und dies unter Umständen sogar müssen.

Wer hinter die Kulissen staatlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen in Lateinamerika schauen möchte, sollte dieses Buch lesen. Pflichtlektüre ist es für alle, die mit Fragen der Regierungsführung, der Reform des Sicherheitssektors oder der Konfliktregelung dort befasst sind. Carola Schmid ist es gelungen, eine wissenschaftliche Ausarbeitung vorzulegen, die viele neue Erkenntnisse über berüchtigte Syndrome Lateinamerikas offenbart: Willkür und Straflosigkeit.


Wolf  Poulet

welt-sichten 05-2009