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Schwierige Annäherung an das Unfassbare

Abdourahman A. Waberi
Schädelernte
litradukt Verlag, Kehl 2008,
74 Seiten, 8,60 Euro


Abdourahman A. Waberi, geboren in Dschibuti und seit 1985 in Frankreich lebend, gilt als einer der innovativsten afrikanischen Gegenwartsautoren. Im Rahmen von Fest'Africa, einer Initiative zur Förderung afrikanischer Kunst und Literatur, nahm Waberi an dem Projekt „Rwanda - écrire par devoir de mémoire - Schreiben aufgrund der Pflicht des Erinnerns" teil. Zehn afrikanische Autoren und Autorinnen erhielten ein Stipendium für einen Aufenthalt in Ruanda. Waberi verbrachte zweimal einige Wochen dort.

Das Ergebnis, „Schädelernte", bezeichnet er selbst als das schwierigste Buch, das er „je zu schreiben hatte". Ohne die Solidarität mit den Menschen in Ruanda wäre es nicht entstanden. Seine Form liegt zwischen Fiktion und Reportage, die sich in Gedankensträngen und kurzen Prosastücken ausdrückt. Den Beiträgen vorangestellt sind Zitate von Aimé Césaire, die wie Vorahnungen der Gräuel wirken und die Texte in zeitliche und geographische Räume über Ruanda hinaus stellen. Das Werk will nichts erklären und tut es auch nicht, es reiht Assoziationen, Bilder, Bruchstücke von historischen Fakten und Imaginärem aneinander. Waberi beschreibt grausame Szenen und kann sie doch nicht abbilden. Das Mitleiden des Autors und die Frage nach der eigenen Identität werden deutlich. Einige Argumentationen reproduzieren allerdings den herrschenden Diskurs. Ist es bei aller Empathie in diesen komplexen Konfliktfeldern zulässig, Urteile abzugeben, mit denen Stereotype festgeschrieben werden? So gibt es laut Waberi in Ruanda nur zwei Kategorien von Menschen: die Opfer und die Bösen, die Täter. Böse sind auch die anderen: die Hilfsorganisationen, die Weißen, die Kirche, die Ausländer, die nichts getan haben, um den Genozid aufzuhalten, aber moralische Überlegenheit beanspruchten. Diese Weltsicht wird niemandem gerecht.

„Schädelernte" ist ein Ausdruck der Hilflosigkeit, sich dem Völkermord von 1994 schreibend anzunähern. „Kann man und wie soll man nach Auschwitz schreiben?" fragten schon Paul Celan und Theodor W. Adorno. Seinen Anspruch, Ruanda besser zu verstehen und Zeugnis abzulegen, hat Waberi nicht erfüllt. Das Buch ist ein verzweifelter Versuch, über etwas zu schreiben, was man nicht verstanden hat. Und trotzdem: Das Schreiben ist notwendig, um zu zeigen, was unfassbar und nicht beschreibbar ist.


Hildegard Schürings

welt-sichten 05-2009