Straßenkinder als Sündenböcke
Mädchen und Jungen aus Armenvierteln werden in Honduras zu Opfern von Gewalt
Gespräch mit Elmar Villeda
Mehr als zehntausend Mädchen und Jungen leben in Honduras auf der Straße, über eine halbe Million arbeiten dort. Sie sind stets der Gefahr ausgesetzt, missbraucht und umgebracht zu werden. Strafrechtlich verfolgt werden solche Taten fast nie. Denn arme Jugendliche und Straßenkinder werden in weiten Teilen der Gesellschaft pauschal als kriminell verdächtigt. Die nichtstaatliche Organisation „Casa Alianza", eine Partnerorganisation der Kindernothilfe, bietet ihnen ein Dach über dem Kopf und hilft ihnen, ihre Rechte einzufordern.
Warum leben in Honduras so viele Kinder auf der Straße?
Das hat viele Gründe - etwa Armut, Arbeitslosigkeit und Mangel an Bildungschancen. Hinzu kommen Probleme in der Familie. Einige Kinder werden dort sexuell missbraucht oder Opfer von anderen Formen der Gewalt. Manche Eltern gehen zum Arbeiten illegal in die USA und lassen ihre Kinder einfach bei den Großeltern zurück. Anders als zu Hause können sich solche Kinder auf der Straße immer etwas zu essen besorgen. Sie haben aber keinen Zugang zu Bildung und zu Gesundheitsversorgung und keine Chance, einen Beruf zu erlernen. Sie riskieren, in die Prostitution gedrängt zu werden. Die größte Gefahr ist, umgebracht zu werden.
In Honduras sind seit 1998 mehrere Tausend Straßenkinder getötet worden. Woran liegt das?
Kinder und Jugendliche, die in großer Armut oder auf der Straße leben, werden pauschal als kriminell verdächtigt. Dabei sind Jugendliche nur in vier Prozent der Verbrechen in Honduras nachweislich als Täter verwickelt. Es gibt in unserem Land bei Politikern und in weiten Teilen der Gesellschaft eine Art Pauschalverdacht gegen Mädchen und Jungen aus Armenvierteln. Der geht auf Entwicklungen der 1980er Jahre zurück. Damals hat die US-Regierung in großem Stil Jugendliche aus Mittelamerika in ihre Heimatländer abgeschoben. Denn in den Latino-Ghettos von Los Angeles waren Jugendbanden entstanden, so genannte Maras, die in Gewalt und Verbrechen verwickelt waren. Mit den Abschiebungen wurde das Bandenproblem nach Zentralamerika exportiert.
Spielt Drogenhandel auch eine Rolle?
Ja. Honduras ist zu einem Durchgangsland für den Drogenhandel von Südamerika in die USA geworden. Organisierte Verbrecherbanden sind immer stärker geworden. Sie beteiligen sich auch am Waffenschmuggel und am Menschenhandel - vor allem mit jungen Frauen, die als Prostituierte in die USA gebracht werden. Sie benutzen Kinder und Jugendliche, meist Mitglieder von Maras, denn die können nur schwer juristisch belangt werden. Die Kommandostrukturen der Maras, die in diese kriminellen Geschäfte verwickelt sind, bestehen aus Erwachsenen. Dennoch werden in Honduras Banden und überhaupt Kinder in den Armenvierteln und auf der Straße nun als Kriminelle stigmatisiert.
Gegen die Drahtzieher wird nichts unternommen?
Nein. Einige sitzen zwar im Gefängnis, aber das hindert sie nicht an ihren Geschäften. Man konnte zum Beispiel nachweisen, dass sie von dort mit Mobiltelefonen so genannte Express-Entführungen steuern: Man wird auf der Straße entführt und gezwungen, seine Angehörigen anzurufen, damit die in kürzester Zeit an einem Bankautomaten alles verfügbare Geld abheben. Verbreitet ist auch die angekündigte Entführung: Man erhält einen Anruf oder eine SMS „Du hast fünf Stunden Zeit, auf unser Konto einen bestimmten Betrag einzuzahlen, sonst wird morgen früh Dein Kind entführt". Laut Polizei leisten 90 Prozent der Betroffenen dem Folge. Das funktioniert nicht ohne Organisation. Es muss in den Gefängnissen Leute geben, die den inhaftierten Führern Zugang zu Computern gewähren und ihnen die Möglichkeit geben, herauszufinden, wer auf seine Kreditkarte viel Geld abheben kann.
Maras führen aber die Entführungen aus?
In der Entführungsindustrie spielen andere die Hauptrolle, etwa Angehörige von privaten Wachdiensten und frühere Militärs und Polizisten. Jugendliche aus den Maras übernehmen meist weniger bedeutende Aufgaben, etwa als Drogenhändler und -kuriere. Selbst wenn sie an Verbrechen beteiligt sind, haben sie gar nicht die technischen Möglichkeiten, zum Beispiel angekündigte Entführungen zu planen.
Arme Kinder und Jugendliche werden für das Gefühl der alltäglichen Bedrohung zum Sündenbock gemacht?
Genau. Viele Opfer sind einfach Kinder, die auf der Straße leben, Klebstoff schnüffeln und die Leute anbetteln. Die Gesellschaft sieht mit einem gewissen Wohlwollen, dass sie verschwinden oder „zur Rechenschaft gezogen werden".
Man kann sie ohne Angst vor Strafe töten?
Ja. Die Straflosigkeit ist das Kernproblem. Von über 4600 Morden an Minderjährigen seit 1998 sind in höchstens 10 Fällen die Täter verurteilt worden. Es fehlt nicht nur der politische Wille dazu, sondern die Polizei hat auch nicht die nötigen Mittel. Sie ist zu schlecht ausgestattet, um am Tatort Spuren zu sichern, und es gibt viel zu wenige Mordkommissionen.
Was tut Casa Alianza für die Kinder und Jugendlichen auf der Straße?
Nach unseren Erhebungen leben mehr als zehntausend Kinder in Honduras ganz auf der Straße. Und schätzungsweise eine halbe Million arbeiten dort - als Straßenverkäufer, Schuhputzer, Lastenträger, Autowäscher und Müllsammler. Das Casa Alianza-Schutzhaus in Tegucigalpa kann nur wenigen Kindern direkten Schutz bieten, die Aufnahmekapazität ist begrenzt auf höchstens 150. Mit viel mehr kommen die Straßensozialarbeiter in Kontakt. Zudem betreibt Casa Alianza ein Programm, das nach Möglichkeiten sucht, Straßenkinder wieder mit ihren Familien zusammenzuführen. Die größte Reichweite hat aber das Rechtshilfeprogramm. Dort arbeiten Anwälte, Rechtshelfer und Sozialarbeiter. Alle Kinder in Honduras können dort Rechtsschutz suchen. Das Programm bietet auch Kurse an für Polizisten, Gefängniswärter, Richter oder Anwälte.
Können Sie ein Beispiel geben für ein Kind, das dort Hilfe gesucht hat?
Oft kommen Mädchen oder junge Frauen, die in fremden Haushalten oder Restaurants ausgebeutet werden: Sie bekommen keinen Lohn, haben überlange Arbeitszeiten und sind in keiner Weise sozial abgesichert. Sie können mit Hilfe des Rechtshilfeprogramms vor dem Arbeitsgericht ausstehenden Lohn und die Sozialbeiträge einklagen. Wichtig ist auch die Hilfe zur behördlichen Registrierung, denn rund ein Fünftel der Kinder in Honduras hat keine Geburtsurkunde und existiert offiziell nicht. Mit dem Rechtshilfeprogramm haben wir zwei wichtige Dinge erreicht: Die Polizei hat eine eigene Spezialeinheit eingerichtet, die Verbrechen an Kindern untersucht. Und wir haben ein Urteil des Interamerikanischen Gerichtshofes gegen Honduras erwirkt, weil die Justiz einen vierfachen Mord an Straßenkindern nicht bearbeitet hat. Die Regierung wurde dazu verurteilt, sich bei den Familienangehörigen der Opfer öffentlich zu entschuldigen, eine Straße nach den ermordeten Kindern zu benennen, finanzielle Entschädigung zu leisten. All das ist auch geschehen. Aber die wichtigste Forderung des Gerichtes, die Verantwortlichen für diesen Mord dingfest zu machen und anzuklagen, ist bis heute nicht eingelöst worden.
Das Gespräch führte Bernd Ludermann.
Dr. Elmar Villeda
ist Arzt und seit 1999 für die Kindernothilfe als Programm-Koordinator in Honduras tätig. Er berät und begleitet 16 Partnerorganisationen der Kindernothilfe, darunter „Casa Alianza".
