Vorschläge für einen realistischen Pazifismus
David Cortright
PEACE: A History of Movements and Ideas
Cambridge University Press 2008,
376 Seiten, 24,50 Euro
David Cortright, den Präsidenten des Fourth Freedom Forum und Hochschullehrer der Notre Dame University, lernte ich in den 1990er Jahren durch einen UN-Studienauftrag zur Auswirkung von Wirtschaftssanktionen kennen. Für die deutsche Fachwelt war das ein neues Thema, aber in den USA arbeiteten mehr als 30 wissenschaftliche Institute als „sanction watchers". Cortright war so etwas wie der Nestor und Moderator dieser Branche, und mehrere seiner 17 Bücher sind der Analyse und Politikberatung dazu gewidmet. Zugleich war er ein prominenter Friedensforscher mit einer eindrucksvollen Vita als Friedensaktivist, der wie John Kerry in Vietnam zum Kriegsgegner geworden war. Später wandte er sich als Direktor von SANE (Committee for a Sane Nuclear Policy) und in der Koalition „Win Without War" gegen den Irakkrieg.
Seiner Geschichte der Friedensbewegungen und konzepte konnte man deshalb mit einiger Erwartung entgegensehen. Sie greift unter anderem die Unterschiede zwischen der europäischen und der US-amerikanischen Perspektive auf, die sich aus den verschiedenen historischen Erfahrungen ergeben. So erkennt auch Cortright die Leistung der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner an, die 1905 als erste Frau den Friedensnobelpreis erhielt. Er sieht sie aber vor allem als Beleg für die moderne Säkularisierung des Pazifismus, der ursprünglich aus Erweckungsbewegungen und Friedenskirchen stammt und in den angelsächsischen Ländern seit zwei Jahrhunderten aktiv und geachtet ist. Andererseits lassen sich im Zeitalter der fortschreitenden Globalisierung auch Einflüsse der östlichen Religionen finden. Das reicht von der Gewaltlosigkeit Mahatma Gandhis bis zum Widerstand gegen den „Krieg gegen den Terror" der Gegenwart.
Das und vieles andere hat der Autor in seiner Ideengeschichte der Friedensbewegung sorgfältig gesichtet und zusammengetragen. Respekt und Zustimmung von Kofi Annan, Mary Robinson, Desmond Tutu und Kollegen aus der Friedensforschung hat ihm vor allem der mutige Versuch eingetragen, auf den letzten sechs Seiten des Buches das Konzept eines „realistischen Pazifismus" in Theorie, Praxis und Aktion nach dem heutigen Erkenntnisstand zu skizzieren.
Laut Kofi Annan zeigt das Buch die Möglichkeit auf, eine gerechtere und friedliche Zukunft zu schaffen, „wenn wir bereit sind, die Lektionen der Geschichte zu lernen und das erwiesene Wissen um Friedensschaffung anzuwenden". Allen Friedensfreunden (und wer wäre das nicht gern?) sei die Lektüre empfohlen. Eine deutsche Übersetzung des Buches sollte bald folgen. Auch Dank der sorgfältigen Namens- und Literaturverzeichnisse erschließt es eine Fülle wertvoller Informationen.
Manfred Kulessa
