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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Welcher Weg zum Klimaschutz?

Joachim Weimann
Die Klimapolitikkatastrophe
Deutschland im Dunkel der Energiesparlampe
metropolis Verlag, Marburg 2008,
189 Seiten, 14,80 Euro


Marcel Hänggi
Wir Schwätzer im Treibhaus
Warum die Klimapolitik versagt
Rotpunktverlag, Zürich 2008,
285 Seiten, 34 sFr / 21,50 Euro


Man muss die Erderwärmung schnell und stark abbremsen - darin sind der Journalist Marcel Hänggi und der Umweltökonom Joachim Weimann einig. Beide halten es für eine Illusion zu glauben, das sei zu geringen Kosten möglich und so, dass alle gewinnen. Die Aussichten für eine wirksame Klimaschutzpolitik schätzen sie eher gering ein. Worin die Politik aber versagt und warum, darüber gehen ihre Ansichten weit auseinander.

Joachim Weimanns Buch ist eine Streitschrift gegen praktisch alle gängigen Ansätze der Klimapolitik - insbesondere gegen staatliche Vorschriften und Subventionen, die auf Energieeinsparungen oder den Ausbau erneuerbarer Energien zielen - außer einem einzigen: einem globalen Emissionshandelssystem. Wenn wir mit hohem Aufwand Energie sparen oder teure Solarpaneele montieren, schonen wir das Klima nicht, behauptet Weimann, sondern schaden ihm. Im Zentrum der Begründung stehen zwei Argumentationsstränge. Erstens: So lange Emissionen nicht global begrenzt werden, nutzt es gar nichts, wenn einzelne Menschen oder Staaten Energie sparen. Denn dadurch sinken die Weltmarktpreise etwa für Öl, Kohle oder Gas, so dass anderswo mehr emittiert wird. Zweitens: Da die Mittel knapp sind, müssen wir immer die preisgünstigsten Methoden der Emissionsminderung nutzen - zum Beispiel die Stromerzeugung effizienter machen und nicht den Verkehr, denn das wäre teurer. Das gleiche gilt global: Statt viel Geld auf Solarenergie zu verschwenden, sollte Deutschland zum Beispiel in preiswerten Klimaschutz in Indien investieren.

Mit welcher Technik und wo man am effizientesten Emissionen spart, kann laut Weimann nur der Markt herausfinden. Der Königsweg zum Klimaschutz sei deshalb der Emissionshandel, vorausgesetzt er gilt global: Für alle Emissionen sind Rechte nötig, die weltweit gehandelt werden können. Wenn man sie nach der Bevölkerungszahl zuteile, erreiche man zugleich, dass Industrieländer sie den armen Ländern teuer abkaufen müssen, also mehr Gerechtigkeit.

Viele von Weimans Argumenten sind wichtig, man muss sie bedenken. Doch er treibt sie zu weit. Sein Modell insgesamt beruht auf einer Fülle zweifelhafter Annahmen. So unterstellt er, dass kollektive Entscheidungen am rationalsten auf Märkten fallen, weil dort dezentrale Informationen besser verarbeitet werden als in der Politik. Nach der Weltfinanzkrise mag man diesen Glauben nicht recht teilen. Unklar ist auch, wie preiselastisch die Energienachfrage ist und ob Konsumenten ihre Entscheidungen wirklich rational treffen. Zudem blendet der Ökonom politische Aspekte weitgehend aus. Dabei kann ein Markt für Emissionsrechte ohne globale und vernünftige politische Entscheidungen gar nicht entstehen. Soll man bis dahin einfach gar nichts dafür tun, den Umgang mit Energie zu verändern? Ist ein globales Klimaschutzabkommen erreichbar, ohne dass vorher alternative Entwicklungswege und Techniken erkundet und als möglich erkannt sind - egal wie ineffizient das sein mag? Kann man den Bürgern tatsächlich heute erklären, dass Energiesparen sinnlos ist, aber morgen mit der Einführung des Emissionshandels Energie stark verteuern?

Realitätsnäher ist das Buch von Marcel Hänggi. Er betont, dass eine drastische Einschränkung des fossilen Energieverbrauchs in den Industrieländern kaum als ausgewogene Entwicklung vorstellbar ist, sondern nur als Strukturbruch. Hier, wie es Weimann vorschlägt, auf Effizienz zu setzen führe dazu, bestehende Strukturen etwa im Verkehr oder der Energiewirtschaft zu optimieren, nicht aber sie durch neue zu ersetzen. Denn wirtschaftliche Entwicklungen verlaufen entlang einmal eingeschlagener Pfade; ökonomische Anreize sind laut Hänggi kaum geeignet, sie auf einen ganz neuen Pfad zu führen. Die herkömmliche Ökonomie tauge daher nicht als Kompass für den Klimaschutz - man brauche eine „Wirtschaftswissenschaft der Ausnahmezeit".

Auch Hänggi sieht im Emissionshandel große Chancen, nicht zuletzt für einen Nord-Süd-Ausgleich. Aber er leuchtet zugleich dessen ungelöste technische und politische Probleme aus und hält im Grunde eine Rationierung der fossilen Brennstoffe für sinnvoller.

Hänggis Buch hat auch den weiteren Blick. Es erklärt differenziert die wissenschaftlichen Befunde zum Klimawandel und weist auf blinde Flecken der Debatte im Norden hin. Nach der schonungslosen Bestandsaufnahme wägt er verschiedene Klimaschutzinstrumente ab und weist auf ihre jeweiligen Schwächen hin. Klug zerpflückt Hänggi die Patentrezepte aller Seiten und bricht statt dessen eine Lanze für den gesunden Menschenverstand: Es gibt eine Reihe von zukunftsweisenden Ansätzen - wir sollten mehr als nur einen verfolgen, und das schnell. 


Bernd Ludermann

welt-sichten 05-2009