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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Der Kongo von Musik bis Politik

Schulz, Manfred (Hg.)
Entwicklungsträger in der DR Kongo.
Entwicklungen in Politik, Wirtschaft, Religion, Zivilgesellschaft und Kultur
Lit Verlag, Berlin 2008, 760 Seiten, 49,90 Euro


Der Sammelband stellt das breiteste Werk zur Entwicklung in der Demokratischen Republik Kongo dar. Er vereint fünfzig Beiträge zu allen im Titel angegebenen Sachgebieten und ist eine wertvolle Ressource für Diskussionen über den Entwicklungsweg in dem zentralafrikanischen Land. Salua Nour eröffnet ihn mit einer weit ausholenden Tirade gegen das dominierende Paradigma in der Interpretation des zeitgenössischen Kongo. Bedenkenswert ist vor allem ihre Auseinandersetzung mit der internationalen Zusammenarbeit – besonders ihre Kritik an der Fiktion eines sehr schwachen, aber grundsätzlich handlungsfähigen Staates, dem man daher hohe Summen zum Wiederaufbau anvertraut, während es für die nachhaltige Stärkung des Privatsektors außerhalb von Bergbau, Forsten und Telekommunikation keine Strategie gibt.

Theodore Trefon erklärt, warum sich die Verwaltung im Kongo trotz allem nicht komplett aufgelöst hat und wie sie als ständiger Aushandlungsprozess mit den Bürgern „funktioniert“. Nach weiteren Beiträgen zur Einordnung des Zeitgeschehens folgen sechs Aufsätze zu dem, was den Kongo reich und arm macht: seine Rohstoffe. Ihnen ist nur der Mangel eines einheitlichen Argumentationsrahmens und die Tatsache vorzuhalten, dass die wissenschaftliche Literatur zum „Ressourcenfluch“ keine systematische Anwendung findet.

Eine Stärke des Bandes ist die ausführliche Darstellung der reichen säkularen und kirchlichen Zivilgesellschaft im Kongo. Da sie seit vielen Jahren ein Hauptträger von sozialer Entwicklung ist, erfährt der Leser hier Wesentliches über nachhaltige Entwicklungserfolge in extrem widrigem Umfeld. Drei Beiträge von sehr unterschiedlicher Qualität über Kultur als Entwicklungsfaktor schließen sich an. Während der über Kongos Musik verzichtbar ist, provozieren Mabiala und Mumbanza, zwei Professoren in Kinshasa, indem sie „traditioneller“ Kultur einen bremsenden Einfluss auf Entwicklung einräumen und ihre Landsleute einladen, sich deren Fesseln zu entledigen. Konkretes tragen dazu Heinrichs-Drinhaus und Kayongo mit ihren Aufsätzen bei, in denen sie Ansätze kongolesischer Kirchen zu einer eigenen Theologie und Ethik der Arbeit und Entwicklung aus eigener Kraft schildern. Faktenreich, aber am wenigsten spannend sind die Beiträge zu den Programmen der staatlichen und nichtstaatlichen Geber. Sie stammen von Autoren aus den EZ-Institutionen, die ihre Arbeit im Kongo zum Teil leidlich kritisch, zum Teil unter Verzicht auf Nachweise als gelungen oder gar als „äußerst erfolgreich“ einstufen.

Den vierten Teil des Bandes über politische Entwicklungsprozesse leitet der Vorsitzende der unabhängigen Wahlkommission, Apollinaire Malumalu, mit Bemerkungen über die Wahlen 2006 ein. Dieser und die weiteren Beiträgen enthalten zwar viel Information, ordnen den engen Fokus der Gebergemeinschaft auf Wahlen aber nicht kritisch in die internationale Diskussion über eine sinnvolle Abfolge politischer Reformen ein. Das Buch wird abgeschlossen mit drei sehr heterogenen Beiträgen deutscher Abgeordneter, die sich mit dem Kongo beschäftigen – im Ganzen weit entfernt von einer strategischen Hinterfragung dessen, was die deutsche Politik hier bewirken sollte.

Eine offenkundige Lücke des Bandes ist aus heutiger Sicht die kursorische Behandlung des Einflusses von China im Kongo. Seit dem „Mega-Deal“ zwischen beiden Ländern zum Ausbau von Bergbau und Infrastruktur vom September 2007 ist klar geworden, dass hier ein neuer Entwicklungsträger erwachsen ist, der alle bisherigen Kräfteverhältnisse verschiebt. Und die Problematik im Ostkongo findet auch nicht den Stellenwert, den sie haben müsste. Ein entscheidender Vorzug des Bandes liegt darin, dass fast die Hälfte der Aufsätze von Kongolesen stammt. Verglichen mit anderen Werken der Afrika-Forschung bietet das einen immensen Vorsprung an Authentizität, der allerdings mit großen Qualitätsunterschieden erkauft ist.


Helmut Asche

welt-sichten 05-2010