Flüchtlinge in der Weltgesellschaft
Margarete Misselwitz und Klaus Schlichte (Hg.)
Politik der Unentschiedenheit.
Die internationale Politik und ihr Umgang mit Kriegsflüchtlingen
Transcript Verlag, Bielefeld 2010,
300 Seiten, 29,80 Euro
Unentschiedenheit ist das Ergebnis, wenn Nationalstaaten, Staatengemeinschaften und internationale Organisationen in der Flüchtlingspolitik zusammenwirken. Kriegsflüchtlinge sollen sich im Exilland nicht integrieren und in ihre Heimat zurückkehren, die sich aber so gewandelt hat, dass sie für sie keine Heimat mehr ist. Die Vorstellung, dass Souveränität, nationales Territorium und Bevölkerung eine Einheit bilden – das macht Menschen überhaupt erst zu Ausländern –, ist längst überholt und war historisch immer die Ausnahme. Aber sie ist die unhinterfragte Prämisse heutiger Flüchtlingspolitik und garantiert, dass es Flüchtlinge gibt, solange kein umfassender Frieden herrscht.
Der französische Politologe Didier Bigo leitet das Buch mit einem hochtheoretischen Essay ein. Er löst in der Politik und im Journalismus gängige Vorstellungen diskurstheoretisch auf und zeigt, dass das „Management des Unbehagens“ aus Menschen ein „Flüchtlingsproblem“ macht. Der Beitrag von Katja Baltzer und Kristofer Lengert behandelt die Lage kolumbianischer Migranten in Ecuador und die Arbeit des dortigen UN-Flüchtlingskommissariats (UNHCR). Hier und in den weiteren Beiträgen erweist sich die Praxis als differenzierter als die theoretische Analyse Bigos. Die Genfer Flüchtlingskonvention wird der Regionalisierung von Konflikten nicht gerecht. Wie soll jemand individuelle Verfolgung nachweisen, wenn sein ganzes Dorf bedroht war? Wie soll er den Zeitpunkt der Bedrohung dokumentieren, wenn er in Zeitkategorien wie „Ernte“ oder Sonnenuntergang denkt? Am Beispiel der Großen-Seen-Region in Afrika zeigt Mahmood Mamdani, wie komplex und deshalb kaum formalisierbar die Herkunft von Flüchtlingen ist. Felix Gerdes befasst sich mit liberianischen Flüchtlingen in Guinea. Kriege in der Region bringen latente Gegensätze zwischen Bevölkerungsgruppen zu Tage, die auch Flüchtlinge motivieren, mitzukämpfen. Hier wirken „kaum erkennbare Muster von Herrschaft jenseits von Staat und Grenzen“. Katrin Radke analysiert die „moralische Ökonomie“ von Eritreern und Sri Lankern in der Diaspora. Solidarische Verhaltsweisen aus den Herkunftsländern wie Sparzirkel, Sterbekassen und Gemeinschaftsdienste werden weitergeführt. Das Gefühl der Schuld gegenüber denen, die zu Hause geblieben sind und kämpfen, führt zu „Sühne“ in Form von Geldtransfers an die Herkunftsländer und oft genug an die dortigen Befreiungsbewegungen.
Philipp Misselwitz untersucht palästinensische Flüchtlingslager. Diese vor 60 Jahren eingerichteten Lager sind mittlerweile zu urbanen Zentren mitten in konservativ-ländlichen Regionen geworden, wo sie zu Motoren der Entwicklung werden könnten. Der Beitrag schildert, wie schwierig die Beteiligung der Bewohner bei der Umgestaltung dieser Dauerprovisorien ist. Zwei weitere Beiträge behandeln die Rückkehr junger Leute aus Exilländern nach Palästina und in den Kosovo. Die „fremd gewordene Heimat“ stört sich am westlichen Lebensstil der in Nordamerika oder Westeuropa Aufgewachsenen. Diese wiederum erholen sich mit Spritztouren nach Tel Aviv von der Langeweile in den palästinensischen Gebieten und den immer gleichen politischen Parolen und Versammlungen. Margarete Misselwitz und Klaus Schlichte haben sich einen ersten Schritt zu einer „neuen politischen Soziologie der Weltgesellschaft“ vorgenommen. Er ist gelungen. Das Buch ist gut redigiert, setzt aber viel Wissen voraus. Misslich ist auch, dass einige Beiträge bereits vor einigen Jahren in anderen Sprachen veröffentlicht wurden. Man hätte sie aktualisieren müssen. Das ist aber eher der Forschungslage anzulasten als den Herausgebern.
Dieter Maier


