Leserbriefe
Erklärung nötig
Bernd Ludermann bezeichnet es in seinem Leitartikel als einen „bedenklichen Weg“, dass Entwicklungsminister Niebel die Entwicklungspolitik stärker an der Sicherheit Deutschlands orientieren will. Zu Recht macht er darauf aufmerksam, dass im Kabinett die Partnerländer auf diese Weise einen Fürsprecher ihrer Interessen und Sichtweisen verlören – ganz zu schweigen von den nichtstaatlichen Partnerorganisationen in der Entwicklungszusammenarbeit und den Menschen, mit denen sie gestaltet wird und für die sie bestimmt ist. Es ist in diesem Sinne völlig richtig, dass sich die „Befürworter der Entwicklungsarbeit (...) sich auf deren Eigenwert besinnen und den auch dem Minister deutlich machen“ sollten. Aber wie glaubwürdig ist diese Position, wenn im selben Heft eine ganzseitige Anzeige für die Bundeswehr geschaltet ist? Unglaubwürdig!
Muss man die Redaktion von „welt-sichten“ daran erinnern, dass sie eine kirchliche Anhängerschaft hat? Muss man die Redaktion daran erinnern, wie die Position der evangelischen Kirchen und von weiten Teilen der katholischen Kirche zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr ist? Muss man an die Neujahrspredigt von Frau Käßmann erinnern? Wie ist die Anzeige der Bundeswehr für eine Stelle in Afghanistan in „welt-sichten“, dem „Magazin für globale Entwicklung und ökumenische Zusammenarbeit“, zu erklären?
Lutz Wollziefer, Bonn
Befremdlich
Keine Frage, „welt-sichten“ lese ich gerne. Doch mit Befremden habe ich die großformatige Anzeige der Bundeswehr in Ausgabe 4/2010 gelesen. Gerade jetzt erscheint diese Anzeige, da die Diskussion in vollem Gange ist über die Verquickung von Entwicklungsarbeit und Militär in Ländern mit Militärmissionen. Und ausgerechnet für Afghanistan wird geworben, wo ja deutlich von Krieg gesprochen wird, die Lage auch für deutsche Soldaten immer schwieriger wird und der neue Entwicklungsminister das Militär für humanitäre Projekte einsetzen will.
Gerade jetzt, wo in der deutschen Bevölkerung keine Mehrheit mehr für diesen Kriegsseinsatz zu gewinnen ist. Verlockend für erfahrene Entwicklungshelfer und -helferinnen: Als Interkulturelle Einsatzberaterin tätig zu werden! Da heißt es am Anfang, gesucht werden „zivile Bewerberinnen und Bewerber“. Am Ende wird die „Bereitschaft zu längeren Auslandsaufenthalten in Krisengebieten im Status Soldat“ erwartet. Hier zeigt sich die eklatante Vermischung von ziviler und militärischer Arbeit.
Sabine Förster, Hamburg
Antwort der Redaktion
Einige Leserinnen und Leser haben irritiert auf die ganzseitige Anzeige der Bundeswehr reagiert, die erstmals in der Ausgabe 4-2010 von „welt-sichten“ geschaltet war. In der Tat nehmen wir nicht jede Anzeige, sondern haben Ausschlusskriterien etwa für Werbung der Atom-, Rüstungs- oder Pornoindustrie. Und wir haben natürlich darüber nachgedacht, ob wir gerade die Anzeige der Bundeswehr, die in Afghanistan Krieg führt, ablehnen müssen.
Das wäre jedoch schwierig zu begründen. Die Bundeswehr ist ein demokratisch legitimiertes Verfassungsorgan, ebenso wie die Polizei oder das Verfassungsgericht. Der Bundestag hat ihren Einsatz in Afghanistan mehrmals mit sehr großer Mehrheit beschlossen. Wir müssten also einem Verfassungsorgan verwehren, eine bezahlte Anzeige zu schalten, in der es Personal sucht für Aufgaben, die ihm von der Volksvertretung übertragen wurden. Die Begründung könnte nur lauten: Wir finden die zugrunde liegenden Beschlüsse falsch.
Das aber ist eine Frage der politischen Einschätzung und viel weniger eindeutig zu entscheiden als etwa, ob Pornografie entwürdigend ist. Zum Beispiel finden viele etwa in den Kirchen die Entscheidung, die Bundeswehr 2001 nach Afghanistan zu schicken, heute fragwürdig, wollen sie aber wegen der Gefahr eines neuen Bürgerkriegs auch nicht einfach abziehen. Sollen wir also die Anzeige ablehnen, weil die Bundeswehr nicht hätte nach Afghanistan gehen sollen? Oder sollen wir sie nehmen, weil sie jetzt nicht überstürzt abziehen sollte? Die Entscheidung würde lange Diskussionen erfordern und wäre immer in gewissem Maße willkürlich.
Es ist grundsätzlich nicht Aufgabe einer Redaktion, Anzeigen darauf zu prüfen, ob sie unseren politischen Ansichten entsprechen. Anzeigen sind keine Äußerung der Redaktion, sondern der Anzeigenkunde bezahlt dafür, dass er seine eigenen Anliegen darstellen kann. Dass dabei auch solche auftauchen, die wir nicht teilen, können wir aushalten, solange sie vertretbar und legitim sind. Die Diskussion darüber, welche dieser Anliegen man falsch oder gar verwerflich findet, gehört in den redaktionellen Teil der Zeitschrift und kann kein Kriterium für die Annahme der Anzeigen sein.
Problematisch wäre natürlich, wenn die Redaktion einem Anzeigenkunden zuliebe ihre Linie „anpasste“. Das tun wir aber nicht, wie sich am Leitartikel in Heft 4 oder am Interview zu Afghanistan in Heft 3 sehen lässt. Wir lassen uns auch in Zukunft nicht von Anzeigenkunden beeinflussen, auch nicht von der Bundeswehr.
Redaktion „welt-sichten“
Besser durch die Krise
Zum Artikel „Mit gutem Gewissen Zinsen kassieren“, welt-sichten 4/2010
Endlich einmal ein Artikel zur Studie der Deutschen Bischofskonferenz, der nicht unter dem Titel „Bischöfe kritisieren ethische Geldanlagen“ die eigentliche Intention der Studie in den Schatten stellt! Die Aussage, dass mit ethischen Geldanlagen nur niedrigere Renditen erzielt werden können, stimmt nur so lange, wie man sie mit unrealistischen, hoch spekulativen Papieren vergleicht. Gerade in der Finanzkrise hat sich gezeigt, dass ethisch ausgerichtete Fonds diese in der Regel besser durchstanden haben.
Wer selbst im Kleinen etwas „verändern“ möchte, dem seien ethische Banken empfohlen. Diese legen das ihnen anvertraute Geld nach ethischen Kriterien an – auch die Kundeneinlagen auf Sparbüchern.
Tillmann Lübker, Karlsruhe
Die Redaktion freut sich über Leserbriefe, behält sich aber vor, sie zu kürzen.


