Chronisches Leid macht unsichtbar
Die humanitäre Lage in Somalia darf nicht in Vergessenheit geraten
Die Vereinten Nationen und die Europäische Union (EU) haben sich jüngst ernsthaft besorgt über die humanitäre Lage in Somalia geäußert. Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Zusätzlich zum Krieg und politischen Aufruhr droht in dem Land am Horn von Afrika eine schwere Hungersnot. Doch das Geld für die Unterstützung der Not leidenden Bevölkerung fehlt.
Der UN-Sicherheitsrat hat die Konfliktparteien in Somalia Mitte Mai aufgefordert, den humanitären Hilfsorganisationen einen „raschen, sicheren und ungehinderten Zugang“ zur notleidenden Bevölkerung zu gewähren und die Sicherheit der Helfer zu gewährleisten. Einen gleichlautenden Appell beschlossen die Außenminister der EU Ende Mai in Brüssel.
Das seit 16 Jahren von Anarchie und Gewalt zerrüttete Land am Horn von Afrika kommt zum richtigen Zeitpunkt wieder auf die internationale Tagesordnung. Die Lage der Menschen dort verschlechtert sich zusehends – auch wenn das kaum vorstellbar scheint. Die Kämpfe zwischen den Truppen der somalischen Übergangsregierung und der äthiopischen Armee sowie islamischen Rebellen, eine Dürre und nun noch die Rekordpreise für Nahrungsmittel haben das Land an den Rand einer Hungersnot gebracht. Immer mehr Somalier brauchen Nothilfe: Ihre Zahl ist laut Welternährungsorganisation FAO seit Januar um 40 Prozent gestiegen auf derzeit 2,6 Millionen – das ist jede und jeder vierte.
Dem riesigen Bedarf stehen jedoch äußerst begrenzte Mittel gegenüber. Gerade ein Fünftel des Benötigten hat die FAO in diesem Jahr für ihre Hilfe in Somalia erhalten. Auch deutsche nichtstaatliche Hilfsorganisationen tun sich schwer damit, Spenden für Somalia zu sammeln. Das hängt damit zusammen, dass die Opfer dieser chronischen Katastrophe nicht sichtbar sind – anders als im Fall des jüngsten Wirbelsturms in Birma oder des Erdbebens in Südchina. Es gibt nur wenige Bilder aus Somalia. Ausländische Journalisten können kaum wagen, das Land zu bereisen. Die politische Situation ist unübersichtlich, die Sicherheitslage prekär. Und die wenigen Hilfsorganisationen im Land werden selbst zur Zielscheibe der allgegenwärtigen Gewalt. Seit Beginn des Jahres sind nach UN-Angaben mehr als zehn Helfer ums Leben gekommen.
Vor diesem Hintergrund klingen die Appelle von UN und EU ein wenig hohl, zumal es nicht die ersten sind. Doch jeder Not leidende Mensch hat das Recht auf humanitäre Hilfe – daran kann nicht oft und deutlich genug erinnert werden. Auch und gerade wenn die Situation so ausweglos scheint wie in Somalia.
(gwo)
