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Editorial


Liebe Leserinnen und Leser,

Lebensmittel sind weltweit so teuer wie seit 30 Jahren nicht mehr, und die Preise werden wohl auch künftig höher bleiben, als wir es gewohnt waren. Das trifft vor allem Arme in den Entwicklungsländern. Schon jetzt hungern über 860 Millionen Menschen, in Folge der Ernährungskrise könnte sich ihre Zahl um weitere 100 Millionen erhöhen. Brotaufstände in vielen Ländern haben gezeigt, wie schnell Preissteigerungen zum Auslöser für Wut, Aggressionen und Gewalt werden können.

Die Ursachen der Krise sind weitgehend unstrittig: wetterbedingte Missernten in großen Getreideanbauregionen der Erde, der stetige Rückgang von Anbauflächen für Nahrungsmittel, Börsenspekulationen und die Vernachlässigung von Investitionen in die Landwirtschaft in Entwicklungsländern. Hinzu kommen veränderte Ernährungsgewohnheiten wie der wachsende Fleisch- und Milchkonsum in aufstrebenden Schwellenländern.

Lösungsvorschläge liegen ebenfalls zahlreich auf dem Tisch. Um sie zu bündeln, hatte die Welternährungsorganisation FAO für Anfang Juni Vertreter von 181 Staaten, darunter Staats- und Regierungschefs aus 40 Ländern, zu einer hochrangigen Konferenz nach Rom eingeladen. Zur Eröffnung forderten UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und Papst Benedikt XVI. „mutige Maßnahmen". Doch aus der Abschlusserklärung sprechen nicht gerade Mut und Entschiedenheit. Klare, verbindliche und langfristige Strategien zur Bekämpfung des Hungers sind darin nicht zu finden.

Ein heikler Aspekt wird besonders vage abgehandelt: die Produktion von Agrarkraftstoffen. Vor allem die USA, Brasilien und einige europäische Länder wollen sich von ihren Plänen zur Steigerung der Biokraftstoff-Produktion nicht abbringen lassen, obwohl kritische Stimmen den Beitrag von Agrartreibstoff zur Verringerung von CO2-Emissionen bezweifeln und die Verfeuerung von Lebensmitteln in Autotanks zunehmend als Irrweg anprangern.

Ein ebenso strittiges Thema ist der Welthandel mit Agrarprodukten. Experten wie der Direktor des International Food Policy Research Institute, Joachim von Braun, sehen die Chance, die Doha-Runde der Welthandelsorganisation WTO doch noch abzuschließen und Entwicklungsländern mehr Zugang zum Weltagrarmarkt zu verschaffen. Der französische Agrarfachmann Marcel Mazoyer warnt hingegen, dass viele kleine Landwirte aufgrund ihres enormen Produktivitätsrückstands auf einem offenen globalen Markt nicht bestehen könnten.

Er plädiert dafür, die Preise in Entwicklungsländern gemäß den dort herrschenden Produktionsbedingungen festzulegen, damit Bauern dort überleben, investieren und ihren Rückstand verringern können. Sandra Polaski von der US-amerikanischen Carne-gie-Stiftung verbindet beide Forderungen: Einerseits müssten reiche Länder ihre Agrarmärkte öffnen und den Export subventionierter Nahrungsmittel beenden. Andererseits aber müssten arme Länder einen erheblichen Teil ihrer Landwirtschaft vor der Konkurrenz der industrialisierten Großproduzenten schützen dürfen.

In einem stimmen Politiker, Wissenschaftler und Entwicklungsexperten aber überein: Die Produktivität der Landwirtschaft vor allem in Afrika muss gesteigert werden. Von höheren Preisen auf dem Weltmarkt könnten afrikanische Bauern durchaus profitieren. Gentechnisch verändertes Saatgut brauchen sie dazu nicht. Worauf es ankommt, sind Verbesserungen der Anbaumethoden, der Bewässerung, Straßen und Telekommunikation sowie der Zugang zu Märkten.


Gesine Wolfinger
Redakteurin