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Fit für die Globalisierung?

„Politische Bildung“ sollte bis zum Ende der Schulzeit verpflichtend sein

Von Martin Geisz

Die Kultusministerkonferenz der Länder will mit einem Orientierungsrahmen die Auseinandersetzung mit „Globaler Entwicklung“ an den Schulen stärken. Doch die Schulpraxis ist wenig ermutigend. Schulfächer wie Sozial- oder Erdkunde haben zu wenig Wochenstunden, um der Thematik den ihr zukommenden Raum zu geben. Und in der 13. Klasse kann in Hessen der Unterricht in Politik und Wirtschaft abgewählt werden.

„Globales Lernen“ wurde im Schulalltag lange Zeit vor allem in fächerübergreifenden Projekten engagierter Einzelkämpfer angeboten. Doch im vergangenen Jahr hat die Kultusministerkonferenz einen „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung“ in Kraft gesetzt, der Grundlage für die Erarbeitung von Lehrplänen und Schulprogrammen sein soll. Damit hat „Globales Lernen“ offiziell einen gewaltigen Schritt in die Schulen gemacht. Besonders wichtig ist, dass dieser Orientierungsrahmen keine Nischen im Blick hat, sondern „Globale Entwicklung“ in den Schulfächern und in einem eigenen „Lernbereich Globale Entwicklung“  verankern will. Für Erdkunde, Politische Bildung (Sozialkunde, Politik und Wirtschaft), Religion/Ethik und Biologie werden deshalb grundlegende Überlegungen, „fachbezogene Teilkompetenzen“, wie Lehr- und Lernziele jetzt heißen, Themenübersichten und Beispielaufgaben formuliert.

Soweit die Theorie. Doch wie steht es mit der Praxis? Für die Vermittlung von Kompetenzen in Schulfächern ist Unterrichtszeit nötig – Stunden in den Stundentafeln der einzelnen Schuljahre. Es sind also über die derzeit geltenden Wochenstundenzahlen hinaus zusätzliche Kontingente erforderlich, wenn Schüler für die Globalisierung fit gemacht werden sollen, wie Bildungspolitiker es gerne formulieren. Doch die erwähnten Fächer sind in den vergangenen Jahren mit den Reformen, die auf PISA reagiert haben eher in den Hintergrund gedrängt und gleichzeitig mit immer neuen Aufgaben befrachtet worden. So soll Sozialkunde etwa Gewaltprävention, Verbrauchererziehung, Wirtschaftskunde, interkulturelles Lernen und Drogenprobleme zusätzlich behandeln, während die Zahl der Wochenstunden verringert wird. Im Zuge der Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Schuljahre werden die Stunden  nochmals reduziert.

In Hessen sieht das derzeit so aus:  Im Fach „Politik und Wirtschaft“ sind nach dem Plan für das neunjährige Gymnasium im 10. Schuljahr die Themen „Globaler Standortwettbewerb“ und „Entwicklungspolitik“ schon jetzt lediglich als freiwillige Schwerpunkte ohne Zeitvorgaben vorgesehen. In aller Regel erhalten sie deshalb – schon aus Zeitmangel – im Unterrichtsalltag nur wenig Aufmerksamkeit und entfallen häufig sogar ganz. Auch das Fach Erdkunde bietet keinen Raum, um in dieser Altersstufe auf Globalisierungsprozesse und entwicklungspolitische Fragen aufmerksam zu machen. Denn es wird in der 10.  Klasse gar nicht erteilt und ist in den Klassen 11 bis 13 nur Wahlfach. Für fächerübergreifende Projekte, die immerhin ein zusätzliches Feld bieten könnten, fehlt in aller Regel schlicht und einfach die Zeit.

Immerhin haben die Lehrpläne für den Unterricht „Politik und Wirtschaft“ in den Klassen 11 bis 13 in Hessen  dem Schwerpunkt Globalisierung viel Platz eingeräumt. Damit ist das Thema zugleich prüfungs- und versetzungsrelevant. In den Jahrgangsstufen 11 und 12 geht es um die Gestaltung des sozioökonomischen und technologischen Wandels, die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen sowie um die Sicherung der materiellen Lebensbedingungen und die Zukunft der Arbeit. Ferner befassen sich die Schülerinnen und Schüler laut Lehrplan mit der Sicherung und dem Ausbau der Partizipation und den Menschenrechten sowie der Friedenssicherung. Im ersten Halbjahr der Klasse 13 lautet der Schwerpunkt „Internationale Beziehungen“, im zweiten Halbjahr werden die Chancen, Gefahren und Entwicklungsperspektiven der Globalisierung thematisiert.

Allerdings ist in den Bestimmungen für das Abitur in Hessen festgelegt, dass die Angebote der Klasse 13 im Fach Politik und Wirtschaft zur Wahl stehen und damit nicht mehr wahrgenommen werden müssen. Von internationaler Politik und den Perspektiven der Globalisierung müssen Abiturientinnen und Abiturienten nicht einmal mehr Kenntnis nehmen. Im Blick auf den Orientierungsrahmen „Globale Entwicklung“ stellt sich damit die Frage, was die Konzentration auf die „Entwicklung von Kompetenzen“ und der angestrebte Aufbau des neuen Lernbereichs hilft, wenn im Fachunterricht schon die Zeit fehlt, Basisinformationen zu vermitteln.

Die Bildungspolitik wird in Hessen angesichts der neuen Mehrheitsverhältnisse nach der jüngsten Wahl im Landtag neu verhandelt. Wer Schülerinnen und Schüler für die Globalisierung fit machen will, sollte in den Klassen 5 bis 10 die Fächer Erdkunde und Sozialkunde stärken, die sich besonders intensiv mit deren Voraussetzungen und Folgen beschäftigen, und ihnen eine höhere Wochenstundenzahl zuerkennen. „Politische Bildung“ sollte – egal wie das Schulfach benannt wird –  bis zum Ende der Schulzeit verpflichtend sein, damit wenigstens der Hauch einer Chance besteht, die Globalisierung an der Schule wirklich in den Blick zu nehmen.


Martin Geisz
ist Lehrer für „Politik und Wirtschaft“ sowie „Philosophie/Ethik“ in Friedrichsdorf. Er beschäftigt sich beim hessischen Bildungsserver mit dem Globalen Lernen und hat am „Orientierungsrahmen Globale Entwicklung“ mitgearbeitet.

welt-sichten 6-2008