Hässliche Fratze der Globalisierung
Ein Film über den Arbeiteralltag in den Abwrackwerften von Bangladesch
Von Reinhard Kleber
Sie werden Lokhador genannt, Eisenfresser. Den Arbeitern, die unter Gefahr für Leib und Leben am Strand von Bangladesch riesige Tanker zerlegen, hat der Filmemacher Shaheen Dill-Riaz seine gleichnamige Dokumentation gewidmet. Der Film läuft seit 12. Juni in den deutschen Kinos. Das Evangelische Zentrum für entwicklungsbezogene Filmarbeit bringt ihn auf DVD heraus.
An den Stränden von Chittagong in Bangladesh zerlegen Tausende von Saisonarbeitern riesige Tanker und Containerschiffe, die Wracks der globalen Seefahrt. Mit Schneidbrennern zerschneiden sie die Stahlrümpfe, barfuß schleppen sie die Metallplatten an Land und tragen sie ohne Handschuhe auf bloßen Schultern zu den wartenden Lastwagen. Ein gefährlicher Knochenjob, für den sie auch noch schlecht bezahlt werden – wenn überhaupt.
Der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilm „Eisenfresser“ schildert den Alltag auf den Abwrackwerften von Bangladesch, die zu den größten der Welt gehören. Der aus Dhaka stammende Filmemacher Shaheen Dill-Riaz, der in Babelsberg ausgebildet wurde und in Berlin lebt, beschreibt nicht nur die Arbeitsprozesse, sondern auch, wie die Arbeiter in einem ausgeklügelten System kontinuierlich ausgebeutet werden.
Fünf Monate hat Dill-Riaz, der in einem Dorf bei Chittagong aufgewachsen ist, die Männer, die in der Landessprache Lohakdor – Eisenfresser – genannt werden, bei der Arbeit und während des Feierabends begleitet. Er macht sich mit Bauern wie Kholil und Gadu, die als Gruppenleiter junge Männer aus ihrer Region angeworben haben, auf den Weg vom armen Norden des Landes zur Küste. Dort hoffen die Bauern darauf, in ein paar Monaten genug zu verdienen, um ihre Familien versorgen zu können. Denn häufig brechen im Norden von Bangladesch nach den Überschwemmungen der Monsunregenzeit Hungersnöte aus.
Die armen Wanderarbeiter aus dem Norden erledigen auf den Werften die härtesten und gefährlichsten Arbeiten. Die Männer aus dem Süden hingegen erhalten die besser bezahlten Posten oder werden Vorarbeiter. Die Eigentümer des Küstenareals organisieren als Subunternehmer die Auszahlung der Löhne, bei der die Arbeiter schlecht wegkommen: Vorschüsse werden ohne Grund verweigert, Lohnabzüge einbehalten.
In das Ausbeutungssystem eingebunden sind die örtlichen Händler. Nur bei ihnen können die Arbeiter zu überhöhten Preisen Lebensmittel kaufen und werden so oft in eine Schuldenfalle getrieben. Viele von ihnen kehren praktisch ohne Lohn oder mit Verletzungen, die sie mangels Schutzkleidung davongetragen haben, nach Hause zurück. Doch die Werftbetreiber wissen aus Erfahrung, dass Bauern wie Khalil und Gadu jedes Jahr zu Tausenden wieder anheuern. Die Armut lässt ihnen keine Wahl.
Bemerkenswert ist die Freizügigkeit, die Dill-Riaz bei seinen Dreharbeiten auf der Werft PHP (Peace, Happiness and Prosperity) gewährt wurde. PHP gilt in der Region als Vorzeigewerft, doch auch hier gibt es keine Sicherheitsvorkehrungen oder sie werden nicht eingehalten. So müssen die Schweißer etwa in den Schiffsrümpfen inmitten giftiger Gase schuften. Und mit erstaunlicher Offenheit erläutern der Inhaber der PHP-Werft und seine Mitarbeiter vor der Kamera ihre Geschäftspraktiken.
Aus dem Off-Kommentar erfahren die Zuschauer, dass die Abwrackindustrie Bangladeschs direkt oder indirekt drei Millionen Menschen ernährt. Das recycelte Eisen der Wracks deckt heute fast den gesamten Eisenbedarf des Landes. Aber nur wenige profitieren von der Entsorgung des maritimen Schrotts aus aller Welt. Die meisten “Eisenfresser” sehen nur die hässliche Fratze der Globalisierung.
Reinhard Kleber
arbeitet in Bonn als Filmjournalist mit dem Schwerpunkt Filme aus der Dritten Welt.
