„Höhere Ernten sind auch ohne Gentechnik und Agrochemie möglich“
Kommunale Saatgutbanken in Entwicklungsländern erhalten die Vielfalt lokaler Sorten
Gespräch mit Catherine Marielle und Andrew Mushita
Seit Jahrtausenden gewinnen Bauern aus Teilen ihrer Ernte das Saatgut für die nächste Aussaat. Die „grüne Revolution“ in Entwicklungsländern beruht jedoch auf Hochertragssorten, die große Saatgutunternehmen entwickelt haben. Wenige Konzerne beherrschen den Markt. Kleinbauernverbände widersetzen sich dieser Entwicklung: Sie wollen mit kommunalen Saatgutbanken die traditionelle Vielfalt der lokalen Sorten bewahren und fortentwickeln.
In Deutschland setzen immer weniger Bauern selbstgewonnenes Saatgut ein, und wenn, dann müssen sie in der Regel so genannte Nachbaugebühren zahlen. Wie sieht das in Ihren Ländern aus?
Marielle: In Mexiko wird auf drei Viertel der landwirtschaftlich genutzten Fläche eigenes Saatgut ausgesät. Diese Felder werden von Kleinbauern bewirtschaftet, die ohne Bewässerungssysteme arbeiten und Mischkulturen anlegen, damit die Pflanzen trotz der eher ungünstigen Bedingungen gut gedeihen. Diese Anbauweise reicht 9000 Jahre zurück, und wir verfügen gerade beim Mais über eine immense Sortenvielfalt. Allerdings sind die lokalen Sorten nur auf den regionalen Märkten zu finden. Der landesweite Handel greift auf die Hybrid-Sorten zurück, die in Monokulturen im Norden des Landes angebaut werden.
Mushita: Bei uns in Simbabwe wird der Mais bis zu 98 Prozent aus kommerziellem Saatgut, das heißt aus Hybrid-Sorten, gezogen. Dafür benötigen die Farmer jedes Jahr neues Saatgut plus Dünger und Pestizide, das wird alles im Paket gekauft. Für Hirse dagegen besteht kein landesweiter Markt, sie wird vorwiegend für den eigenen Bedarf angebaut. Hier setzen die Bauern noch ihr eigenes Saatgut ein, und das Wissen über die Gewinnung und Pflege der Saat sowie über die verschiedenen Sorten wird von Generation zu Generation weitergegeben.
Die Organisationen, für die Sie arbeiten – der „Community Technology Development Trust“ (CTDT) und die „Grupo de Estudios Ambientales“ –, haben dezentrale Saatgutbanken eingerichtet, zu denen die Landwirte direkten Zugang haben. Was bieten sie ihnen?
Mushita: Unsere kommunalen Saatgutbanken finden bei den kleineren Landwirten großen Anklang. Denn in den vergangenen Jahren haben sie ihr Interesse am Einsatz von Hybrid-Sorten weitgehend verloren, sie können Saatgut und Dünger nicht mehr bezahlen. Gleichzeitig stellen sie fest, dass die Ernten nicht so hoch ausfallen wie erhofft. Die Farmer sind froh, wenn wir ihnen über unsere Saatgutbanken Zugang zu lokal angepassten Sorten eröffnen. Wir veranstalten auch Saatgut-Messen, zu denen jeweils zwischen 5000 und 6000 Bauern kommen, um Saatgut auszutauschen. Verarmte Bauern, die nicht mehr über eigenes Saatgut verfügen, bekommen von uns Gutscheine, die sie in unseren Banken einreichen können. Außerdem beraten wir sie, wie sie wieder selbst Saatgut gewinnen und lagern können. Gerade bei lokal angepassten Maissorten ist vieles verlorengegangen und wir müssen Wissenslücken füllen.
Marielle: Bauern experimentieren gerne. Sie versuchen beispielsweise, die Vorteile der Hochertragssorten für sich zu nutzen, indem sie auf der einen Hälfte eines Feldes Hybrid-Sorten aussäen, während sie auf der anderen Hälfte Pflanzen aus eigenem Saatgut wachsen lassen. So gewinnen sie Saaten, die aus einer Kreuzung aus beiden entstanden sind, und kreieren ihren eigenen „Hybrid-Stil“. Mit unseren Saatgutzentren bieten wir ihnen zusätzliche Möglichkeiten, indem wir einen Austausch anstoßen. Denn über die Kenntnisse ihrer Familie hinaus können die Bauern von ihren Kollegen profitieren. Die Ergebnisse aus den Züchtungen dokumentieren wir, um das aus den Experimenten gewonnene Wissen zu bewahren und gemeinsam weiterzuentwickeln. Zur Zeit erproben wir außerdem Formen, wie das Saatgut auch ohne Pestizide gegen Insektenfraß geschützt werden kann.
Ist das lokal gewonnene Saatgut konkurrenzfähig?
Mushita: Qualität ist beim Saatgut ein sehr subjektiver Begriff. Er wird von den großen Konzernen genutzt, damit sie ihre Sorten besser vermarkten können. Sie werben beispielsweise mit der hohen Keimfähigkeit ihrer Saaten und unterschlagen dabei, dass sich viele Hybrid-Sorten nur schwer lagern lassen. Was aber ist das entscheidende Kriterium für Qualitäts-Saatgut: die Keim- oder die Lagerfähigkeit? Das ist eine offene Debatte. Ich vertrete den Standpunkt, dass die Qualität der kleinbäuerlichen Saaten sehr viel besser ist, denn hier wird das Saatgut in sorgfältiger Handarbeit gewonnen. Wir haben Saatgut in unseren Saatenbanken, das ist auch nach fünf Jahren noch zu 90 Prozent keimfähig.
Aber wie steht es mit den Erträgen dieses Saatgutes ?
Mushita: Die Hochertragssorten sind auf gute äußere Bedingungen angewiesen, um ihre Vorteile auszuspielen. Kleinbauern verfügen aber in der Regel weder über gute Böden noch über umfassende Bewässerungsmöglichkeiten. Deshalb fahren sie mit lokalen Sorten, die an die Gegebenheiten angepasst sind, besser. Unsere Organisation untersucht zur Zeit einige von Bauern entwickelte Maissorten, und ihre Merkmale sind teilweise wirklich sehr gut. Einige dieser Sorten sind in der Lage, sieben Tonnen pro Hektar Anbaufläche einzubringen.
Wenn das Wissen über die Vorteile lokal angepasster Sorten verbreitet werden soll, müssten Sie dann nicht auch eine Kommerzialisierung einheimischer Sorten befürworten?
Mushita: Das können wir uns durchaus vorstellen, solange der Handel mit den Saaten in bäuerlicher Hand bleibt.
Marielle: Monsanto hat in Mexiko vor kurzem einen Vertrag mit einem unserer Bauernverbände geschlossen, der besagt, dass beide eine gemeinsame Saatgutbank für lokale Sorten schaffen wollen. Nach unserer Überzeugung ist die Pflege des traditionellen Wissens aber eine Aufgabe der öffentlichen Hand. Es kann doch nicht sein, dass unser gemeinschaftliches Erbe in private Hände fällt. Aber genau das ist unser Problem: Das Wissen über lokale Sorten wird zu wenig öffentlich gefördert. Die Regierung gibt eher Hybrid-Sorten aus, als dass sie unsere lokalen Saatenbanken unterstützt. So müssen wir in kleinem Rahmen lokale Sorten so zu züchten, dass sie für die extremen Wetterbedingungen besser gerüstet sind, die wir aufgrund des Klimawandels erwarten und bereits erleben. Außerdem haben wir uns mit anderen Organisationen zusammengetan, um ein nationales Netzwerk der regionalen Saatgutbanken zu gründen. Wir werden beweisen, dass eine Verbesserung der Ernten auch ohne Gentechnik und Agrochemie möglich ist.
Erhalten die kommunalen Saatgutbanken in Simbabwe größere Unterstützung?
Mushita: Die CTDT erhält öffentliche Unterstützung, und es wurde auch schon das Interesse bekundet, unser Modell der Saatgutbanken und der Saatgutmessen auf das ganze Land auszuweiten. Aber die Kapazitäten dafür fehlen. Dennoch wirbt unsere Organisation weiter dafür, dass an das Modell der landesweiten Getreidespeicher angeknüpft wird, um diese auch für die Lagerung von lokalem Saatgut nutzen zu können. Außerdem wünschen wir uns nationale Gesetze, die das Recht der Bauern auf die Pflege des eigenen Saatgutes festschreiben und der Patentierung dieses Wissens einen Riegel vorschieben. Darauf zielt unsere Lobbyarbeit.
Das Gespräch führte Bettina Stang
Catherine Marielle ist Koordinatorin des Programms zur Förderung der nachhaltigen Ernährung bei der mexikanischen Grupo de Estudios Ambientales.
Andrew Mushita ist Direktor des Community Technology Development Trust in Simbabwe. Die Organisation engagiert sich für die Ernährungssicherung benachteiligter Gruppen.
