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Humanitäre Hilfe zwischen Neutralität und Einmischung

Rainer Treptow (Hg.)
Katastrophenhilfe und humanitäre Hilfe
Ernst Reinhardt Verlag
München/ Basel 2007
207 Seiten, 16,90 Euro


Publikationen über das Politikfeld oder über Theorie und Praxis der humanitären Hilfe sind im deutschen Sprachraum Mangelware. Der von dem Tübinger Erziehungswissenschaftler Rainer Treptow herausgegebene Band trägt dazu bei, diese Lücke zu füllen. Er versammelt Beiträge aus Wissenschaft und Praxis mit dem Ziel, „Interdisziplinarität und kritischen Diskurs“ zu verbinden. Das Buch, das auf einer Vorlesungsreihe an der Universität Tübingen im Wintersemester 2005/06 basiert, ist nach der Einführung des Herausgebers in drei Teile gegliedert: Der erste behandelt das politische und rechtliche Spannungsverhältnis, in dem sich humanitäre Hilfe in Zeiten von Krisen und Konflikten bewegt. Der zweite Teil bezieht sich auf die wachsenden Anforderungen in der Katastrophenmedizin, die Grundlagen psychosozialer Hilfe sowie die Schwierigkeiten für eine medizinische Hilfsorganisation. Der dritte Teil handelt von politischer Krisenprävention, Armutsbekämpfung und humanitärer Hilfe als Bildungsaufgabe.

Treptow wirft in seiner Einleitung drei zentrale Fragen auf: Ist humanitäre Hilfe lediglich Ersatzhandlung für den Mangel an Außenpolitik? Wird humanitäre Hilfe für kriegerische Zwecke instrumentalisiert? Ist der Humanitarismus in der Krise? Diese Fragen sind wichtig und werden international in der Politik und der Wissenschaft diskutiert. In Deutschland steht diese Debatte erst am Anfang und findet –  wenn überhaupt – meistens im Kontext von politischen Entscheidungen über Auslandseinsätze der Bundeswehr statt, wie beispielsweise über den Einsatz in Afghanistan. Einer der beeindruckendsten Beiträge zu dem Buch stammt aus der Feder der ehemaligen Geschäftsführerin von „Ärzte ohne Grenzen“, Ulrike von Pilar. Sie beschreibt die Dilemmata einer humanitären Hilfsorganisation am Beispiel Ruandas nach dem Völkermord 1994 sowie des Darfur-Konflikts. Pilar kritisiert, dass humanitäre Hilfe als politisches Feigenblatt herhalten muss, wenn die Staatengemeinschaft beim Versuch einer Konfliktlösung scheitert.

Sie fragt auch, wie weit das Gebot der Neutralität für eine Hilfsorganisation gehen kann. Haben sich die Hilfsorganisationen mitschuldig gemacht an der Verharmlosung des Völkermords in Ruanda? Wie neutral darf eine Hilfsorganisation angesichts schwerer Menschenrechtsverletzungen sein? Wie neutral muss sie sein, um in einem Krieg von Regierungen, Rebellen und Warlords als unabhängiger humanitärer Akteur akzeptiert zu werden? Von Pilars Beitrag macht deutlich, dass es insbesondere seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und dem „Krieg gegen den Terror“ immer schwieriger geworden ist, humanitäre Hilfe unabhängig von politischen Interessen zu leisten.

Insgesamt ist ein lesenswerter Band entstanden, der ein breites Spektrum von Themen aus der humanitären Hilfe aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. So behandeln Jürgen Lieser als Vertreter der nichtstaatlichen Organisationen und Erich Rattat als Vertreter der Bundeswehr die Kontroverse über zivil-militärische Zusammenarbeit. Bedauerlicherweise wird die schon im Titel des Bandes enthaltene Redundanz des Begriffspaars „Humanitäre Hilfe/Katastrophenhilfe“ bis zum Ende des Buches nicht aufgelöst. Das lässt die Leserinnen und Leser etwas ratlos zurück.


Peter Runge

welt-sichten 6-2008