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Kapital flieht in die Rohstoffe

Die Nahrungsmittelpreise sind ein Objekt der Spekulation

Von Bernd Ludermann

Viele Beobachter sind überzeugt, dass Spekulationen an der Börse zum Anstieg der Nahrungsmittelpreise beitragen. Für kurzfristige Schwankungen trifft das wohl zu. Wie stark das Börsengeschäft die Preise mittelfristig beeinflusst, ist jedoch schwer zu sagen.

Kaum jemand bezweifelt, dass die Nahrungspreise vor allem steigen, weil die globale Nachfrage stärker wächst als das Angebot. Doch da das nur allmählich  zu einem Marktungleichgewicht führt, sieht Heiner Flassbeck, der Chefvolkswirt der UN-Konferenz für Handel und Entwicklung (UNCTAD), darin keine Erklärung für die plötzliche Preisexplosion bei Reis oder Weizen. Nur Spekulation könne das bewirken, sagte er der „Frankfurter Rundschau“. Die indische Regierung hat den Handel mit Warentermingeschäften für Weizen, Reis und einige Hülsenfrüchte Anfang 2007 verboten. Doch andere Ökonomen halten das für einen Irrweg; laut der US-amerikanischen Kommission für den Handel mit Rohstoffen hat die Spekulation keinen Anteil am Preisanstieg.

Im Mittelpunkt der Debatte stehen so genannte Warentermingeschäfte. Damit kann ein Landwirt lange vor der Ernte Getreide zu einem festgelegten künftigen Preis verkaufen oder ein Abnehmer das Recht erwerben, an einem bestimmten Termin Getreide zu einem Festpreis zu beziehen. Das erlaubt beiden eine sichere Kalkulation unabhängig von Preisschwankungen, etwa infolge schlechter Ernten. Das Risiko übernehmen zunächst Händler, die Terminkontrakte eingehen. Diese Kontrakte – also Rechte auf den Kauf oder Verkauf zu bestimmten Preisen – werden aber an der Börse weiterverkauft und Objekte der Spekulation: Wer die „richtigen“ Terminkontrakte kauft und im geeigneten Moment wieder abstößt, verdient daran, ohne je ein Kilo Getreide ins Lager zu nehmen. Ökonomen betonen, dass dies einen Nutzen hat: Spekulanten übernehmen Risiken von anderen Marktteilnehmern und machen für Landwirte wie deren Kunden das Geschäft berechenbarer.

Zumindest taten sie das früher. Seit 2002 ist nämlich das Ausmaß der Spekulation mit Nahrungsmitteln und anderen Rohstoffen förmlich explodiert. Zum einen wurden neue Finanzprodukte entwickelt, zum anderen suchten Großanleger wie Pensionsfonds nach dem Ende des Internet-Booms neue, sicherere Anlagemöglichkeiten. Dann gingen Schwellenländer wie China dazu über, ihre Devisenreserven auch an den Börsen anzulegen. Niedrige Zinsen in den USA infolge der Bankenkrise (vgl. „welt-sichten“ 2-3/2008) haben jüngst das Geldangebot noch ausgeweitet. All das ließ riesige Mengen Kapital auf den Rohstoffmarkt fließen, wo nun Terminkontrakte und ähnliche Papiere ständig zu Gewinnzwecken umgeschichtet werden. Daher verstärkt der Börsenhandel nach Ansicht vieler Experten nun die Schwankungen der Agrarpreise und bläht diese auf.

Aber kann er sie längere Zeit nach oben treiben? Der US-Ökonom Paul Krugman glaubt das nicht: Die Spekulation steigere die Preise der Terminkontrakte, nicht aber die der Güter, es sei denn es würden größere Mengen vom Markt ferngehalten. Spekulanten aber haben keine Lager und wollen die Güter gar nicht haben. Dagegen schreibt Heinz Buchter in der „Zeit“, höhere Preise für Terminkontrakte böten Dritten einen Anreiz, Vorräte anzulegen. Das ist mit verderblichen Waren aber nicht unbegrenzt möglich. Es spricht also einiges dafür, dass eine gute Ernte den Getreidepreis trotz Spekulation wieder sinken lassen wird, wie es für Weizen im Moment absehbar ist.

Mehr Einfluss hat auf mittlere Sicht ein Faktor, der wenig beachtet wird: die Abwertung des US-Dollars. Sie veranlasst die Anbieter von Rohstoffen, die international in Dollar gehandelt werden, deren Preise zu erhöhen. Länder, die Öl und Nahrung importieren, könnten das kompensieren, wenn sie ihre Währung gegenüber dem US-Dollar aufwerten, sofern ihre Finanzlage das zulässt.

Fazit: Die Spekulation mit Nahrungsmitteln dürfte kurzfristige Preisschwankungen zumindest verstärken. Inwieweit sie für einen mittel- oder langfristigen Anstieg des Preisniveaus verantwortlich ist, ist aber unklar. Der Einfluss der Geld- und Währungspolitik dagegen darf hier nicht übersehen werden. Selbst Flassbeck räumt ein, „dass sich derzeit noch nicht genau sagen lässt, wie Warentermingeschäfte den Markt tatsächlich beeinflusst haben“.


Bernd Ludermann
ist Chefredakteur von „welt-sichten“.

welt-sichten 6-2008