Kein Mangel an erneuerbaren Energiequellen
Eine Wiener Tagung kritisiert den Biosprit-Boom in Lateinamerika
Wenige Tage vor dem 5. EU-Lateinamerika-Gipfel in der peruanischen Hauptstadt Lima veranstaltete das Österreichische Lateinamerika-Institut (LAI) Anfang Mai in Wien ein Seminar zu Bioenergie und nachhaltiger Entwicklung. Die Veranstaltung konfrontierte Wissenschaft und politische Perspektive mit dem Ziel, Anregungen für den Gipfel in Lima sowie die Österreichische Entwicklungszusammenarbeit im Energiebereich zu liefern.
Die Entwicklungszusammenarbeit wäre „gut beraten, wenn sie sich an intelligenten Lösungen orientiert und nicht dem Mainstream hinterherhinkt“, sagte LAI-Geschäftsführerin Stefanie Reinberg – und spielte damit eindeutig auf die gegenwärtige Ausrichtung der Energiepolitik auf Agrartreibstoffe in Lateinamerika, den USA, aber auch in der Europäischen Union an. „Die einen überlegen sich, wie man die Biomasse für intelligente Produkte nutzen kann, während die Politik noch auf die Verbrennung setzt“, sagte Reinberg.
Gerhart Braunegg vom biotechnologischen Institut der Technischen Universität Graz arbeitet gemeinsam mit dem brasilianischen Industrieunternehmen PHBISA an solchen intelligenten Produkten. Es geht um die Herstellung abbaubarer Kunststoffe aus erneuerbaren Rohstoffen, vor allem Zuckerrohr. Der Nutzen einer solchen Entwicklung ist angesichts der Verschmutzung von Lateinamerikas Stränden, Gewässern und Landschaften durch Plastikabfälle offenkundig.
Lateinamerika ist energieautark, stellte María Cristina Silva vom Centro Latinoamericano para las Relaciones con Europa (CELARE) in Santiago de Chile fest. Die Erdöl- und Erdgasreserven garantieren die Versorgung des Subkontinents über viele Jahrzehnte. Trotzdem seien die Regierungen bemüht, die Energiewirtschaft zu diversifizieren. An Ressourcen für geothermische oder solare Energie sowie für Windkraft fehle es nicht. Zur Entwicklung sei aber europäische Technologie unentbehrlich.
Auch die österreichische Entwicklungszusammenarbeit sei gefragt, denn in Chile, wo das Lohnniveau sogar vergleichsweise hoch ist, koste ein Solar-Panel den Gegenwert von 15 Mindestlöhnen. Obwohl die Agrartreibstoffe umstritten sind, setzen Brasilien, Peru und Guatemala aber auf den Export solcher Produkte.
Walter Pengue, der die Arbeitsgemeinschaft Landschaftsökologie und Umwelt an der Universität von Buenos Aires leitet, verwies auf die Grenzen der Nachhaltigkeit industrieller Landwirtschaft in Argentinien. Diese habe zwar die Verdreifachung der landwirtschaftlichen Produktion erreicht, gleichzeitig aber ein Bauernsterben und schwerwiegende Umweltschäden nach sich gezogen. Für ihn ist die Konzentration auf Agrotreibstoffe, die nicht zuletzt auch zu großflächigen Monokulturen führe, daher auch aus ethischer Sicht fragwürdig.
Das Seminar wurde in Kooperation mit dem Lateinamerika-Zentrum Ljubljana (CELA), der Joanneum Research Austria und dem Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten organisiert.
Ralf Leonhard
www.lai.at/veranstaltungen/la-tag-2008/reports
