Pioniere und Einzelkämpfer
Migranten in der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit
Kenntnisse und Erfahrungen von Migranten werden in der kommunalen Entwicklungszusammenarbeit nur wenig genutzt. Beispiele aus München und Kiel zeigen Chancen und Probleme einer Kooperation.
Nach mehr als 20 Jahren im Exil ist Abdul Wali in seine afghanische Heimat zurückgekehrt. Der Orthopädiemeister betreibt in der Hauptstadt Kabul eine Werkstatt, die Prothesen für Minenopfer herstellt. Unterstützt wurde Abdul Wali von „Coming Home“, einem Modellprojekt der Stadt München für Migranten, die freiwillig in ihre Heimat in Afrika, Asien und Südosteuropa zurückgehen.
Als einzige deutsche Kommune unterstützt München seit zehn Jahren mit eigenen Mitteln und mit Zuschüssen des Europäischen Flüchtlingsfonds und des bayerischen Arbeitsministeriums rund 150 Rückkehrer pro Jahr. Sie erhalten organisatorische und finanzielle Hilfen sowie bei Bedarf eine berufliche Qualifizierung, um sich in der alten Heimat eine neue Existenz aufzubauen.
Gleichzeitig unterstützt das Büro für Rückkehrerhilfen seit 2004 auch soziale Projekte, die die Rückkehrer in ihren Herkunftsländern initiiert haben. Abdul Wali hat mit deutschen und afghanischen Bekannten den gemeinnützigen Verein „empor“ gegründet, um seine Arbeit langfristig abzusichern. „Über den Verein können wir Hilfe aus München für die Werkstatt in Kabul abwickeln“, erklärt Projektleiterin Marion Lich vom Sozialreferat der bayerischen Landeshauptstadt.
Es scheint naheliegend, dass sich Migranten an Entwicklungshilfeprojekten beteiligen. Viele engagieren sich in Vereinen und Netzwerken für ihre Herkunftsländer. Doch Organisationen von Migranten und deutsche Eine-Welt-Gruppen arbeiten oft nebeneinander her, ohne voneinander zu wissen oder sich abzustimmen.
Rose Sekoh unterstützt ihr Heimatdorf in Ghana, in dem es an fast allem fehlt. Sie hat 1993 in Kiel den Deutsch-Ghanaischen Entwicklungshilfeverein gegründet, der dem Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein angehört. Die Arbeit des Vereins kommt allerdings nicht recht voran. Viele Ghanaer haben ihn inzwischen wieder verlassen, obwohl die Stadt Kiel ihn mit Beratungsangeboten unterstützt: Diese vermitteln Vereinen, wie sie an öffentliches Gelder kommen, Veranstaltungen organisieren und mit internen Konflikten umgehen können. Dennoch sagt Frau Sekoh, „es ist für uns sehr mühsam, weil wir nicht in gleicher Weise ernst genommen werden wie deutsche Vereine“.
Vereine von Migranten tun sich schwer, ihre Anliegen in Eine-Welt-Netzwerken zu vertreten. „Nur drei unserer insgesamt 67 Mitgliedsgruppen wurden von Migranten gegründet“, bedauert die Gruppenberaterin Ulrike Neu vom Bündnis Eine Welt Schleswig-Holstein. „Für sie ist es besonders schwer, ihre Projektarbeit zu professionalisieren. Außerdem haben Migranten kein Netzwerk hinter sich wie zum Beispiel kirchliche Gruppen.“ So müssen eher Einzelpersonen wie Rose Sekoh ihre eigenen Landsleute und die alteingesessenen Eine-Welt-Aktivisten überzeugen. Ehrenamtliche Mentoren könnten den Migrantenvereinen helfen, professionelles Know-how zu erwerben, schlägt Ulrike Neu vor.
Mit Vorbehalten von Migranten- und Flüchtlingsgruppen hat auch das Projekt „Coming Home“ in München immer wieder zu kämpfen. Sie befürchteten, das Projekt wolle Migranten, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, zur Ausreise drängen. „In vielen Veranstaltungen mit dem Bayerischen Flüchtlingsrat und der Initiative Afrikazentrum konnten wir aber diese Vorurteile abbauen“, erklärt Marion Lich. „Migranteninitiativen müssen stärker in die kommunale Entwicklungszusammenarbeit einbezogen werden.“ Denn wer sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagiert, ist besser in die deutsche Gesellschaft integriert. Dieser Zusammenhang wird in den Kommunen erst langsam bewusst.
Claudia Mende
