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Schwieriges Verhältnis


Gerald Faschingeder und Clemens Six (Hg.)
Religion und Entwicklung.
Wechselwirkungen in Staat und Gesellschaft
Mandelbaum Verlag, Wien 2007,
280 Seiten, 15,80 Euro


Der häufig konstatierte Trend zur Wiederkehr des Religiösen stellt neue Fragen an die entwicklungspolitische Debatte. Zu lange hat sie ausgeblendet, dass Religion zum Menschsein gehört. Der vorliegende Band versucht, diese Lücke zu schließen. Er enthält acht Aufsätze, die unter kulturellen, ökonomischen, politik- und religionswissenschaftlichen sowie theologischen Gesichtspunkten untersuchen, ob Religion Entwicklung eher hemmt oder fördert.

Weder „Religion“ noch „Entwicklung“ sind klar definiert, schon bei der Klärung der Begriffe ergeben sich erhebliche Schwierigkeiten. Entsprechend kompliziert ist die Bestimmung des Verhältnisses zwischen beiden. Das machen der einleitende Beitrag von Gerald Faschingeder über die Möglichkeiten der Verhältnisbestimmung von Religion und Entwicklung sowie der im Rückblick auf die Beiträge des Bandes verfasste Aufsatz von Hans Gerald Hödl über die Globalisierung der Religion deutlich.

Nach den Erfahrungen von Ulla Kalha kann es die Ziele der Entwicklungszusammenarbeit gefährden, wenn man Religion ignoriert. Sie dürfe nicht als reine Privatangelegenheit betrachtet werden, auch wenn das international anerkannte Menschenrecht auf Religionsfreiheit sie dazu mache. Andreas Exenberger erläutert, wie Ökonomen versuchen, den Einfluss der Religion auf die wirtschaftliche Entwicklung zu erfassen und die Frage zu beantworten, ob sie Hemmschuh oder Motor für Wachstum sei.  Der Beitrag von Clemens Six geht von der Beobachtung aus, dass die Bedeutung von Religion und religiösen Organisationen für internationale Beziehungen unzureichend wahrgenommen wird. Angesichts der sinkenden Bedeutung des Staates und der wachsenden Rolle der globalen Zivilgesellschaft fragt er, welchen Platz Religion in den Theorien über internationale Beziehungen einnimmt.

Ingeborg Gabriel plädiert vor dem Hintergrund der technisch-globalen Einheit einer Welt, die von religiöser Vielfalt gekennzeichnet ist, für einen interreligiösen Dialog als Beitrag zum Frieden. Regina Polak analysiert, inwieweit der wachsende Trend zur Spiritualität kennzeichnend für die Situation Europas ist. In der Rückkehr der Religion in Gestalt einer neuen Spiritualität sieht sie trotz aller Kritik an deren Erscheinungsformen ein Hoffnungszeichen.

Die Frage nach schädlichen oder nützlichen Auswirkungen der Religion auf die Entwicklung eröffnet ein weit gespanntes thematisches Spektrum und erfordert unterschiedliche methodische Ansätze. Der interdisziplinäre Ansatz des Buches erweist sich als sachgerecht und notwendig. Der Band nimmt ein Thema auf, das insbesondere in der protestantischen Theologie und der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit bisher vernachlässigt wurde.


Rudolf Ficker

welt-sichten 6-2008