Überfällige Klarstellungen
Peter Niggli
Der Streit um die Entwicklungshilfe. Mehr tun – aber das Richtige
Rotpunktverlag, Zürich 2008,
207 Seiten, 14 Euro/22 SFr
In einer Zeit der Verwirrungen um die Entwicklungshilfe, die nicht nur in der Schweiz um sich greifen und von handfesten Interessen geschürt werden, ist Peter Nigglis Buch dringend notwendig. Der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Hilfswerke „Alliance Sud“ sorgt fern jeglicher Dogmatik und Ideologie für Orientierung in einem Bereich, in dem viele mitreden, oft politische, wirtschaftliche und ideologische Interessen vertreten oder mit Argumenten, die aus dem Hörensagen hergeleitet sind, für Kürzungen zur Entlastung des Staatshaushaltes eintreten. Nigglis Standortbestimmung der Entwicklungshilfe heute orientiert sich an Fakten. Seine Klarstellungen weisen einen Weg von einer nicht immer ungetrübten Vergangenheit in eine in mancher Hinsicht ungewisse Zukunft – und zwar aus einem durchaus kritischen Blickwinkel. Kritik ist für den Autor so etwas wie das Schmiermittel für den Fortschritt in der Entwicklungsarbeit und deshalb unverzichtbar. Ihr Ansatz müsse aber glaubwürdig und realistisch sein.
Für Niggli ist die zur Zeit grassierende Fundamentalkritik, die die Entwicklungshilfe pauschal als nutzlos und deshalb als Geldverschleuderung verurteilt, in mancher Hinsicht haltlos. Sie wird zum Beispiel widerlegt durch den nachweisbaren Rückgang der Kindersterblichkeit in Afrika, Asien und Lateinamerika, die beträchtliche Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung, den wesentlich gestiegenen Anteil von Menschen mit einer Grundbildung oder auch durch sichtbare Verbesserungen der Lebenssituation unzähliger Menschen infolge der Förderung von Frauen, des Capacity Building sowie der Vergabe von Kleinkrediten.
Zwei Punkte an der Pauschalkritik ärgern Niggli besonders: dass sie blind ist für das, was an der Entwicklungshilfe wirklich zu kritisieren wäre, und dass sie aus der wissenschaftlichen Kontroverse über die Wirksamkeit der Hilfe nur jene Studien heranzieht, die ihr nützen. Als blinde Flecken der Pauschalkritiker nennt Niggli: Sie verschweigen die Verwendung erheblicher Teile des Entwicklungsbudgets für geostrategische Zwecke und die Neigung, die Hilfe außenpolitisch oder für Wirtschaftsinteressen zu instrumentalisieren.
Entwicklungshilfe kann nicht alles leisten. Aber sie kann, so die Überzeugung des Autors und der hinter dem Buch stehenden Werke der „Alliance Sud“, die Chancen des ärmsten Teils der Weltbevölkerung verbessern, den Anschluss an eine in Würde lebenden Gesellschaft zu finden. Die Ärmsten zu unterstützen wird als Kernaufgabe der Entwicklungshilfe definiert und in der dem Buch beigefügten „Agenda der Entwicklungszusammenarbeit“ konkretisiert.
Als Vorgabe für die Arbeit bieten sich die Millenniumsziele an, nach denen unter anderem die extreme Armut bis 2015 halbiert werden soll. Dazu wäre jedoch in der Schweiz (und nicht nur da) eine mit einer daran ausgerichteten Entwicklungshilfe übereinstimmende Außenpolitik nötig. So plädieren die „Alliance Sud“-Mitglieder Swissaid, Fastenopfer, Brot für alle, Helvetas, Caritas und Heks unter anderem für eine institutionelle Vereinfachung der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, die heute zwei Ministerien unterstellt ist. Politisch soll darauf hingewirkt werden, die Praxis- und Basisorientierung schweizerischer Entwicklungszusammenarbeit als „Mehrwert“ zu pflegen und einer Erosion der bilateralen Zusammenarbeit, die zur Zeit im Trend liegt, vorzubeugen.
Erste Priorität weist Peter Niggli indessen einer Erhöhung des Entwicklungsbudgets zu. Es soll bis 2015 von 0,4 sukzessive auf 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens angehoben werden. Eine Petition mit mehr als 200.000 Unterschriften ist Ende Mai bei der Regierung in Bern eingereicht worden und soll der Forderung Nachdruck verleihen.
Urs A. Jaeggi
