„Wir brauchen Gebiete, in die der Mensch nicht eingreift“
Die Zeit für den Erhalt der biologischen Vielfalt wird knapp
Die 1992 verabschiedete UN-Konvention zur Biodiversität hat das Ziel, den Artenschwund deutlich zu verlangsamen. Welche Schritte dazu nötig sind, haben Politiker und Experten aus aller Welt Ende Mai in Bonn auf der 9. Vertragsstaatenkonferenz zu der Konvention diskutiert. Ein wichtiges Ergebnis: Die Bedrohung der biologischen Vielfalt findet zunehmend öffentliche Beachtung.
Wieviele Tier- und Pflanzenarten gibt es auf der Welt?
Bekannt sind ungefähr zwei Millionen. Wir gehen aber davon aus, dass es deutlich mehr gibt, die Schätzungen bewegen sich zwischen zehn und 20 Millionen. Pro Tag verschwinden weltweit zwischen 70 und 300 Arten. Das sind zwar lediglich grobe Schätzungen. Sie zeigen jedoch, dass der Artenschwund bedeutend ist. Im Laufe der Erdgeschichte hat es fünf Massensterben von Arten gegeben, wir befinden uns jetzt im sechsten. Der große Unterschied zu den früheren ist, dass dieses sehr schnell geht und eine Art dafür verantwortlich ist, nämlich der Mensch.
Die UN-Konvention zur Biodiversität hat sich zum Ziel gesetzt, den Artenschwund bis 2010 signifikant zu verlangsamen. Hat die Artenschutz-Konferenz in Bonn dazu einen Beitrag geleistet?
Dieses Ziel ist mit ziemlicher Sicherheit nicht zu erreichen. Die Konferenz in Bonn hat zwar Fortschritte gebracht, aber keinen großen Durchbruch. Mit dem Treffen wurde aber die Notwendigkeit, die biologische Vielfalt zu schützen, in die Öffentlichkeit getragen. Es ist zudem deutlich geworden, dass sich Klimawandel und Artensterben gegenseitig bedingen und dass man beides nicht getrennt voneinander angehen kann.
Ein weiterer großer Fortschritt ist die Ankündigung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, von 2009 bis 2012 aus dem Verkauf von Emissionszertifikaten 500 Millionen Euro für den Schutz der biologischen Vielfalt einzusetzen. Beim gerechten Vorteilsausgleich zur Nutzung genetischer Ressourcen gibt es nun immerhin einen Fahrplan mit der Vorgabe, bei der nächsten Sitzung in zwei Jahren in Japan eine verbindliche Vereinbarung zu verabschieden. Es sind zwar noch viele Fragen offen, aber wenigstens ist der Prozess nicht ins Stocken geraten. Sie sehen, wir schrauben unsere Ansprüche an die Politik schon herunter. Angesichts der großen Brisanz dieser Themen sollte man das aber nicht zu stark tun.
Wo sehen Sie den stärksten Nachbesserungsbedarf?
Vor allem bei der Ausweisung von Schutzgebieten. Die größten Defizite bestehen bei den Meeren. Hier stehen erst weniger als ein Prozent unter Schutz. Auf dem Land ist man auf einem ganz guten Weg. Allerdings handelt es sich bei vielen Schutzgebieten, auch denen, die im Rahmen der Initiative LifeWeb in Bonn angekündigt worden sind, um reine „paper parks“: Es gibt sie nur auf dem Papier, nicht in der Wirklichkeit. Weltweit sind etwa zehn Prozent der Landoberfläche geschützt. Allerdings stellt sich die Frage, ob sie in einem Gebiet mit großem Artenreichtum liegen und welchen Schutzstatus sie haben. In manchen Gebieten ist es sogar erlaubt, zu jagen, nach Öl zu bohren oder Holz einzuschlagen. Selbst wenn sie etwa als Nationalpark ausgewiesen sind, in dem 70 Prozent der Fläche nicht genutzt werden dürfen, ist immer noch offen, ob das auch eingehalten wird.
Wenn man 20 Prozent der Erdoberfläche vor allem in artenreichen Regionen unter Schutz stellen würde, könnte man mehr als 80 Prozent der Artenvielfalt erhalten. Wir brauchen solche Schutzgebiete, weil wir Regionen brauchen, in den die Natur sich weiter entwickelt. Wir brauchen Gebiete, in die der Mensch nicht eingreift. Auch als Referenzflächen, also um zu verstehen, was unser Tun bewirkt.
Deutschland und Norwegen haben in Bonn zusätzliche Millionen für den Erhalt von Urwäldern und Meeren zugesagt. Die anderen Industrieländer haben nicht mitgezogen. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Die Brisanz des Artensterbens ist noch überhaupt nicht erkannt. Viele Menschen denken immer noch, dass es sie nicht betrifft, wenn in irgendeinem Tropenwald eine Käferart ausstirbt. Man muss sich die Artenvielfalt aber vorstellen wie ein Netz, aus dem jemand ständig Knoten herausschneidet. Man weiß nicht, welche Folgen das hat. Aber alles deutet darauf hin, dass die Leistungen der Ökosysteme wie Wasser, Luft und Klima, von denen wir alle abhängen, dann nicht mehr erbracht werden können.
Möglicherweise hilft der Bericht des Ökonomen Pavan Sukhdev über die wirtschaftlichen Kosten des Artenverlustes. Es ist viel teuerer, die Schäden zu bezahlen, als in den Erhalt der Arten zu investieren. Es ist schmerzhaft, dass der Bewusstseinswandel so lange dauert. Denn wir haben keine Zeit. Die Ausweisung und Sicherung ausreichend großer Schutzgebiete muss in den nächsten fünf bis 15 Jahren passieren.
Was ist für den Erhalt der Biodiversität neben dem Schutz artenreicher Regionen notwendig?
Wir müssen nachhaltig leben und wirtschaften: vom Energie- und Landverbrauch über die Nutzung natürlicher Ressourcen bis hin zur gerechten Verteilung der Güter. Das würde wesentlich dazu beitragen, die biologische Vielfalt zu erhalten. Ein wichtiger Aspekt ist zudem das Bevölkerungswachstum in den armen Ländern. In Afrika wird sich die Bevölkerungszahl in den nächsten 40 Jahren verdoppeln. Das hat zum einen eine dichte Besiedelung von schützenswerten Gebieten und zum anderen einen erhöhten Nahrungsmittelbedarf zur Folge. Dieses Problem ist schwer in den Griff zu bekommen und findet bislang viel zu wenig Beachtung.
Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.
Christof Schenck ist Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Die nichtstaatliche Organisation fördert und betreibt rund 70 Naturschutzgebiete in 30 Ländern.
