„Wir brauchen keinen Schweizer Käse auf den Andamanen“
Vom Tourismus in Indien profitieren vor allem große Konzerne
Gespräch mit Rosemary Viswanath
Viele Entwicklungs- und Schwellenländer setzen auf den Tourismus als Motor für Wachstum und Beschäftigung. Doch diese Strategie ist umstritten. In Indien sind die Verlierer vor allem Fischergemeinschaften, die für Hotels und Ferienanlagen von der Küste vertrieben werden. Dagegen wehren sie sich – zuweilen mit Erfolg.
Der Tourismus in Indien boomt. Das verspricht Devisen und neue Arbeitsplätze. Was kommt davon wirklich bei den Menschen an?
Es ist schwer zu sagen, wie viel der Tourismus zur wirtschaftlichen Entwicklung beiträgt. Es handelt sich ja nicht um eine einzelne Industrie. Beteiligt sind etwa das Transport-, Hotel- und Gaststättengewerbe. Für Indien ist bis jetzt nicht bewiesen, dass der Tourismus viele Arbeitsplätze schafft. Die Regierung behauptet, für jeden ausländischen Touristen entstünden zehn Jobs. Doch das ist nicht belegt. Devisen und Arbeitsplätze sind die beiden bekanntesten Mythen, die von Politikern und Entscheidungsträgern genutzt werden, um den Tourismus weiter auszubauen. Gleichzeitig tun sie nichts gegen seine schädlichen Auswirkungen.
Welche Auswirkungen?
Vor allem Umweltschäden. Etwa 40 Prozent des Tourismus in Indien hängen von den Sehenswürdigkeiten der Natur ab: der Küste, den Wäldern, den Nationalparks. Darüber hinaus möchte die Tourismusindustrie ihre Hotels und Ferienanlagen an besonders schönen und exklusiven Orten bauen. Sie vertreiben deshalb diejenigen, die zuvor dort gelebt haben. Ferner produziert der Tourismus große Mengen an Abfall. Die Müllentsorgung ist in Indien nicht besonders gut entwickelt. Wenn immer mehr Touristen kommen, werden manche Orte buchstäblich im Abfall versinken.
Ein weiteres Problem ist die Abwasserentsorgung. Im vergangenen Jahr haben wir bei einer Untersuchung auf den Andamanen herausgefunden, dass die meisten Ferienanlagen ihr Abwasser unbehandelt ins Meer leiten. Das schadet dem Ökosystem der Inseln mit seinen einzigartigen Korallenriffen.
Es ist sehr besorgniserregend, dass jede noch so kleine Regelung zum Schutz der Umwelt auf Drängen starker Lobbys ausgehöhlt wird. Wir hatten einige sehr wirksame Gesetze für den Küstenschutz. Die Tourismusindustrie verlangt nun eine Abschwächung, damit sie ihre Anlagen innerhalb einer 200-Meter Zone von der Küste entfernt bauen darf. Die Zone war ursprünglich der Fischerei vorbehalten.
Hat sich das Problem nach dem Tsunami verschärft? Damals wurde befürchtet, dass Fischer ihre Hütten weiter im Landesinneren neu aufbauen müssten und der Küstenstreifen großen Hotels vorbehalten würde.
Das ist an einigen Orten tatsächlich passiert. Aber es gab eine starke Protestbewegung. Die Fischer in Indien sind sehr gut organisiert und waren an vielen Orten erfolgreich. Es wäre unfair, zu sagen, dass als direkte Folge des Tsunami Fischer von Hotelanlagen verdrängt wurden. Aber der zunehmende Tourismus an der Küste ist seit Jahren ein Grund für die Vertreibung lokaler Gemeinschaften.
Was bedeutet der Tourismus für sie?
Sie haben nur noch eingeschränkten Zugang zu ihren natürlichen Lebensgrundlagen, ihre Umwelt wird verschmutzt, ihre Kulturen und Traditionen werden infolge des Tourismus verändert. Die Preise für Lebensmittel und die Lebenshaltungskosten insgesamt steigen. Und die Gemeinschaften bekommen fast keine Gegenleistung. Sie verlieren ihren traditionellen Lebensunterhalt und die Anzahl der neuen Arbeitsplätze ist gering. Wenn sie einen Job in einer Gaststätte oder in einer Ferienanlage bekommen, ist er meistens schlecht bezahlt und zudem saisonabhängig.
Wie sollte ein verantwortlicher Tourismus organisiert sein?
Die Regierung sollte Tourismus bewusst dazu nutzen, kleinere Unternehmen zu fördern. Das würde der lokalen Wirtschaft nutzen. Aber zurzeit werden große Konzerne bevorzugt behandelt. Sie erhalten Subventionen, Land, Elektrizität und werden von Steuern befreit. Wir kritisieren, dass sich das ganze System gegen die kleinen und lokalen Betriebe richtet. Wir sind nicht gegen Tourismus. Aber wir müssen seinen Umfang und das Tempo seines Wachstums überdenken. Die Bevölkerung sollte die Chance haben, Tourismus-Projekte abzulehnen, wenn sie ihnen keine Vorteile bringen.
Haben lokale Gemeinschaften überhaupt eine Chance, Projekte zu verhindern?
Ja. In Goa und Andra Pradhesh sind lokale Aktionsgruppen gegen Ferienanlagen, die den Küstenschutz verletzt haben, vor Gericht gezogen. In den vergangenen Jahren haben wir einige Siege gefeiert. Die Gerichte haben den Abriss von Anlagen angeordnet. Vor einigen Jahren haben wir sogar unseren Kampf gegen die Taj-Gruppe, einer von Indiens größten Hotelketten gewonnen. Sie wollte ein Hotel in einem Nationalpark errichten. Der Fall ging bis zum Obersten Gericht und die Taj-Gruppe verlor. Im Moment wehren wir uns gegen ein geplantes Skidorf im Himalaya, das jede Bestimmung zum Umweltschutz und die Rechte der ansässigen Bevölkerung verletzt.
Kinderarbeit ist eine der hässlichsten Seiten des Tourismus. Seit 2006 ist sie in Hotels und Restaurants gesetzlich verboten. Hat sich die Situation dadurch verbessert?
In einigen Bundesstaaten wird das Gesetz sehr oberflächlich umgesetzt. Die Behörden greifen die Kinder, die sichtbar sind, auf und bringen sie in ein Jugendheim. Doch wenn man das tut, ohne die Probleme wie tiefe Armut zu beseitigen, die Kinderarbeit verursachen, dann arbeiten die anderen Kinder in den Hotels oder Restaurants einfach heimlich. Dann ist die Gefahr, dass sie missbraucht werden, noch größer. Jugendheime sind nicht viel besser. Natürlich sollten Kinder nicht arbeiten und insgesamt begrüßen wir das Gesetz. Aber es ist nicht der richtige Weg, mit dem Problem umzugehen. Es gibt zudem keinerlei Kooperation zwischen dem Arbeitsministerium, das für das Gesetz verantwortlich ist, und dem Ministerium für Tourismus. Letzteres streitet ab, dass Kindesmissbrauch in Zusammenhang mit Tourismus steht. Sie wissen, dass es ein ernstes Problem ist, aber der Druck, den Tourismus als Vorteil für die Wirtschaft und das Image unseres Landes zu sehen, ist hoch. Die Regierung hat offenbar vergessen, dass es nicht ihre Aufgabe ist, den Tourismus ohne Rücksicht auf die Kosten zu fördern. Sie haben eine Verantwortung, Menschen zu schützen.
Angesichts der zunehmenden Zahl von Flügen trägt der Tourismus auch zum Klimawandel bei. Was muss sich in Ihren Augen ändern?
Beim Bau von Hotels sollte lokales Material bevorzugt werden. Zudem sollten mehr Lebensmittel vom Ort angeboten werden, um Transportkosten zu verringern. Die Touristen sollten sich mehr den örtlichen Gepflogenheiten anpassen, beim Essen zum Beispiel. Wir sollten ihnen auf den Andamanen keinen Schweizer Käse anbieten. Was Flüge angeht, glaube ich nicht, dass die Initiativen hilfreich sind, bei denen Touristen die CO2-Emissionen ihrer Flüge durch Spenden an Umweltprojekte kompensieren. Damit werden nur die Symptome kuriert. Die Tourismus- und Luftfahrtindustrie müssen nichts ändern. Man sollte vielmehr unter anderem darüber nachdenken, die Zahl der Billigflieger zu verringern.
Die Fragen stellte Gesine Wolfinger.
Rosemary Viswanath leitet die indische nichtstaatliche Organisation Equations, die sich für einen nachhaltigen und fairen Tourismus einsetzt und von „Brot für die Welt“ und Misereor unterstützt wird.
