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„Den Viehhirten eine Zukunft geben“

Ländliche Entwicklung im Senegal hilft, die Abwanderung zu bremsen

Gespräch mit Safiatou Baldé

Senegal in Westafrika ist Ausgangspunkt für Bootsflüchtlinge aus dem gesamten Kontinent. Auch viele Senegalesen brechen auf, um ihr Glück in Europa zu suchen. In ihrer Heimat sehen sie keine Zukunftsperspektiven. Die Organisation „Centre d'études de recherche et de formation en langues africaines" (CERFLA) versucht, die Lebensbedingungen der Menschen im Departement Ranérou im Nordosten Senegals zu verbessern. Das trägt dazu bei, sie zum Bleiben zu bewegen, berichtet Safiatou Baldé.

Haben Sie Verwandte oder Bekannte, die nach Europa gegangen sind?

Jede senegalesische Familie hat Verwandte und Bekannte in Europa. Ich selbst kenne viele, die in europäischen Ländern studieren oder arbeiten. Eine Cousine zum Beispiel lebt in Genf. Allerdings kenne ich niemanden, der das Land mit einem Holzboot verlassen hat. Das ist sehr gefährlich, Tausende sind schon ertrunken.

Warum wandern so viele Senegalesen aus?

Sie haben keine Perspektive im Senegal, keine Arbeit. Und sie glauben, dass es in Europa auf jeden Fall besser ist. Sie sehen ja, dass es den Familien, die von Verwandten im Ausland unterstützt werden, besser geht. Kommt ein Auswanderer zurück und berichtet von schlechten Erfahrungen, glaubt man ihm nicht. Viele wissen nicht, was sie in Europa erwartet.

Was müsste sich ändern, damit junge Senegalesen im eigenen Land eine Zukunft sehen?

Die Menschen müssten von der Landwirtschaft oder der Fischerei leben können. Unsere Landwirtschaftsprodukte haben heute auf dem Weltmarkt keine Chance - vor allem wegen der Agrarsubventionen in Europa. Oft sind unsere Produkte nicht einmal auf dem einheimischen Markt konkurrenzfähig. Was die Fischerei betrifft: Europäische Flotten haben das Meer vor der Küste leer gefischt. Als es kaum noch Fische gab, sind sie gegangen. Unsere Fischer taten dasselbe oder organisierten Überfahrten, um Geld zu verdienen. Was sollten sie sonst tun?

Sie arbeiten für die Organisation CERFLA, die im Departement Ranérou tätig ist. Was sind die dringendsten Probleme der Menschen dort?

Ranérou im Nordosten des Senegal ist eine der ärmsten Regionen des Landes. Es gibt keine Infrastruktur. Oft sind die Straßen kaum befahrbar, die Gesundheitsversorgung ist mangelhaft. Das größte Problem aber ist die Ernährung. Die Menschen haben nichts als ihr Vieh. Abgesehen von der Milch müssen sie sämtliche Lebensmittel kaufen. Es gibt viel zu wenig Wasser, um Getreide und Gemüse anzubauen. Nur während weniger Monate kann überhaupt etwas angebaut werden.

Befürchten Sie, dass sich der Wassermangel mit der Klimaveränderung verschärfen wird?

Es ist bereits schlimmer geworden. Die Regenzeit wird immer kürzer, und es fällt immer weniger Regen. Dies sind Folgen der Abholzung und des Klimawandels. Die Zusammenhänge sind zwar vielen nicht bekannt. Aber alle merken, dass es anders ist als früher. Die Frauen müssen oft kilometerweit gehen, um Wasser zu holen.

Der Name Ihrer Organisation heißt auf deutsch „Forschungs- und Bildungszentrum für afrikanische Sprachen". Was tun Sie für die Menschen in Ranérou?

CERFLA setzt auf Bildung und Sensibilisierung. Im Senegal sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Analphabeten, im Departement Ranérou sogar mehr. Wir bieten Schreib- und Lesekurse für Erwachsene an, in der lokalen Sprache Poular. Wer schreiben und lesen kann, sieht den Nutzen und schickt auch seine Kinder zur Schule.

Inwiefern nützt das Schreiben und Lesen den Viehzüchtern?

Es gibt ihnen die Möglichkeit, sich zu organisieren und zu vernetzen. So können sie zum Beispiel das Wasser verwalten, für Projekte Geldgeber finden und ihre Rechte einfordern. CERFLA berät die dörflichen Gemeinschaften in solchen Dingen. Ziel ist es, sie zum selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Handeln zu ermächtigen.

Was lernen die Teilnehmenden darüber hinaus in den Kursen?

Wir sensibilisieren sie zum Beispiel für das Problem der Abholzung. Zum einen müssen die Leute verstehen, warum die Bäume nicht verschwinden dürfen. Zum anderen müssen sie Alternativen sehen. Die Viehzüchter brennen Bäume ab, um Kohle zu verkaufen. Wir zeigen ihnen, wie sie tote Äste schneiden können, ohne den Baum zu fällen. Wir zeigen ihnen aber auch, wie sie anders Geld verdienen können, zum Beispiel mit kleinen Gemüsegärten.

Haben die Kurse bereits Veränderungen bewirkt?

Ja, die Basisgruppen sind stärker geworden. Sie treffen sich zu Diskussionen und gehen ihre Probleme gemeinsam an. Auch die Frauen ergreifen bei den Versammlungen das Wort. Natürlich sind die Probleme dadurch noch nicht gelöst. Zum Beispiel gibt es noch immer keine Infrastruktur, um die Milch haltbar zu machen. Wir investieren aber bewusst nicht in die Infrastruktur, sondern in die Menschen. Denn diese Investition ist nachhaltiger.

Können solche Projekte bewirken, dass mehr Menschen in ihrer Heimat bleiben? Oder bleibt Europa in jedem Fall ein verlockendes Ziel?

Natürlich wird es immer solche geben, die gehen wollen. Aber die meisten Menschen wollen vor allem das tun, was sie schon immer getan haben. Die Viehzüchter wollen Vieh züchten. Wenn sie nicht dazu gezwungen wären, würden sie nicht einmal mit ihrem Vieh zu anderen Weideplätzen ziehen, geschweige denn die Region oder das Land verlassen. Insofern können Projekte zur Verbesserung der Lebensumstände in ländlichen Regionen durchaus dazu beitragen, dass Menschen in ihrer Heimat bleiben. Entwicklungshilfe allein genügt allerdings nicht. Wir brauchen auch andere Handelsbeziehungen.

Das Gespräch führte Charlotte Walser, InfoSüd


Die 42-jährige Geografin Safiatou Baldé
arbeitet für „Centre d’études de recherche et de formation en langues africaines“ (CERFLA). Die Organisation wird von den Schweizer Hilfswerken Brot für alle und HEKS unterstützt.

 

Migration ist die letzte Hoffnung
Senegal gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Etwa ein Viertel der rund 12 Millionen Einwohner lebt unter der absoluten Armutsschwelle von einem Dollar pro Tag. Rund die Hälfte der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. 78 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten in der Landwirtschaft. Wegen des trockenen Klimas können jedoch nur rund 16 Prozent der Landfläche für den Anbau genutzt werden. Die wichtigsten Exportgüter sind Erdnüsse und Baumwolle. Grundnahrungsmittel
werden importiert, das führt zu einem großen Devisenverbrauch.

Viele Menschen verlassen ihre Dörfer und ziehen in die Stadt, wo sie in Elendsvierteln landen. Die internationale Migration
ist zum Modell des sozialen Aufstiegs geworden. Allein im Jahr 2006 erreichten über 30.000 Bootsflüchtlinge die Kanarischen Inseln, die Hälfte von ihnen Senegalesen. In Italien landeten im selben Jahr 16.000 Flüchtlinge. Mehr als 1000 Menschen ertranken bei der Überfahrt. Im vergangenen Jahr kamen 36.000 Flüchtlinge nach Italien und rund 10.000 auf die Kanarischen Inseln. Über 500 Menschen ertranken.


(IS) 

welt-sichten 06-2009