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Der Krieg gegen den Terror in Asien

Patricia von Hahn
Freiheitskämpfer oder Terroristen?
Die Uiguren Chinas
vdm Verlag Dr. Müller, Saarbrücken 2008, 156 Seiten, 59 Euro

Berndt Georg Thamm
Der Dschihad in Asien. Die islamistische Gefahr in Russland und China
Deutscher Taschenbuch Verlag,
München 2008, 280 Seiten, 15 Euro


Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 steht der Kampf gegen den Terrorismus ganz oben auf der politischen Tagesordnung. Unter dem Eindruck des islamistischen Terrors und seiner Bekämpfung haben sich die Koordinaten verschoben - auch im Umgang zwischen Mehrheiten und Minderheiten. Zum Beispiel zwischen der chinesischen Führung und den Uiguren: Peking wirft Aktivisten der muslimischen Minderheit vor, Kontakte zum El-Kaida-Netzwerk zu unterhalten. Darüber ist bislang wenig bekannt gewesen; die Doktorarbeit von Patricia von Hahn liefert dazu Erkenntnisse. Mit der Terrorgefahr in dieser Region beschäftigt sich auch Berndt Georg Thamm - seine These: Russland und China sind genauso vom islamistischen Terror bedroht wie der Westen.

Das Thema nationale und religiöse Minderheiten in China ist heikel, besonders wenn es um die Uiguren geht. Nach Gründung der Volksrepublik China 1949 wurden sie wiederholt Opfer von Unterdrückungskampagnen. So trieben etwa während der Kulturrevolution in den 1960er Jahren Schergen des kommunistischen Regimes Schweine in die Moscheen, um sie zu entweihen. Patricia von Hahn geht in ihrem Buch der Frage nach, wie sich die chinesische Minderheitenpolitik auf die „religiöse, kulturelle, politische und ethnische Identität" der Uiguren ausgewirkt hat. Der Schwerpunkt liegt auf den vergangenen 60 Jahren; doch zunächst wirft die Autorin einen Blick in die weiter zurückliegende Geschichte.

Bereits im Qin-Reich, das 221 vor Christus gegründet wurde und China erstmals zu einem einheitlichen Staat machte, zeichneten sich Strukturen einer Minderheitenpolitik ab, die bis heute fortbestehen. Damals wie heute versuchten die chinesischen Herrscher, andere Völker durch die Ansiedlung von Han-Chinesen aus ihren Gebieten zu vertreiben. So gesehen stellte die Gründung der Volksrepublik einen Fortschritt dar: Zunächst gewährten die Kommunisten den nationalen Minderheiten weitgehende Rechte. Xinjiang wurde 1955 zur Autonomen Region der Uiguren erklärt, weil sie damals noch mit 75 Prozent der Bevölkerung die Mehrheit stellten.

Dennoch setzte die chinesische Kommunistische Partei in den folgenden Jahrzehnten die Assimilierungspolitik fort, was sich allein an den Zahlen erkennen lässt: Infolge der Ansiedlung von Han-Chinesen stellen die Uiguren heute mit 8,4 Millionen Einwohner weniger als die Hälfte der 20 Millionen Menschen zählenden Bevölkerung Xinjiangs. In den 1990er Jahren bildete sich dort Widerstand gegen die chinesische Politik. Organisationen, von denen bis heute nicht ganz klar ist, welche Ziele sie wirklich verfolgten, verübten sporadisch Terroranschläge. Nach dem 11. September 2001 warf die Regierung in Peking den Uiguren vor, Anhänger Osama bin Ladens zu sein.

Für Deutschland ist die Frage nicht ohne Bedeutung, welche Ziele die Uiguren tatsächlich verfolgen. Denn in München sitzt der World Uyghur Congress, eine ihrer wichtigsten Exilorganisationen. Laut Peking befördert der Congress den Terrorismus. Patricia von Hahn schätzt das anders ein: Den Exil-Uiguren gehe es um Religionsfreiheit und Autonomie. Von Hahn hat eine gut recherchierte Magisterarbeit vorgelegt. Trotz des wissenschaftlichen und trockenen Stils sei die Lektüre interessierten Laien empfohlen, die sich einen ersten Überblick über die Geschichte Xinjiangs verschaffen wollen. Es gibt kein aktuelleres Werk auf Deutsch.
Die meisten internationalen Wissenschaftler teilen die Meinung Patricia von Hahns: Sie halten den Terrorismus-Vorwurf der chinesischen Regierung für überzogen. Für Berndt Georg Thamm gilt das nicht: Islamistische Extremisten seien eine reale Bedrohung Moskaus und Pekings, schreibt er in der Einleitung seines Buches. Er wolle deshalb die Probleme Russlands und Chinas mit dem „Dschihad in Asien" aus deren Sicht darstellen und habe das westliche Geschichtsdenken „bewusst stärker zurückgenommen". Das klingt ehrenhaft. Weil Thamm aber unkritisch die russische wie chinesische Sichtweise übernimmt, gibt er gleichzeitig deren Dominanzanspruch über die auf ihrem Gebiet lebenden muslimischen Minderheiten wieder.

So setzen die Russen den Separatismus der Tschetschenen mit islamischem Extremismus gleich; sie nennen die Anführer des Krieges, der in den 1990er Jahren tobte, in einem Atemzug mit Osama bin Laden. Genau so, wie die chinesische Regierung mit den Uiguren umgeht. Thamm betrachtet die Konflikte in Xinjiang und Tschetschenien in erster Linie unter religiösen Aspekten. Dabei würde ein Blick in sein eigenes Buch reichen, um zu erkennen, dass es hier im Ursprung um etwas anderes geht: um den Kampf religiöser und ethnischer Minderheiten gegen jahrzehntelange Unterdrückung.

In den historischen Teilen seines Buches, die im übrigen brauchbar sind, beschreibt er, wie sowohl Sowjets als auch Chinesen die muslimischen Minderheiten geradezu in den Widerstand trieben. Angesichts dessen ist es äußerst fragwürdig, derart unkritisch die chinesischen wie russischen Positionen zu übernehmen. Es ist eine Tatsache, dass sich internationale Dschihadisten am Krieg in Tschetschenien beteiligt haben. Dennoch handelte es sich ursprünglich um einen lokalen Konflikt, der mit Religion wenig zu tun hatte. Das brutale russische Vorgehen gegen die tschetschenischen Separatisten trug erheblich zur Radikalisierung der Bevölkerung bei.

Was Xinjiang betrifft, erweist sich Thamms Herangehensweise als geradezu unseriös. So zitiert er freimütig aus unveröffentlichten Manuskripten der chinesischen Botschaft in Berlin, außerdem bezieht er sich mehrfach auf den Bericht „Terroristische Kräfte Ostturkistans", den die chinesische Regierung 2002 veröffentlicht hat. Der Bericht gilt unter Fachwissenschaftlern wie dem israelischen Sinologen Yitzhak Shichor als reines Propagandamachwerk.


Albrecht Metzger

welt-sichten 06-2009