Fehlt Afrika der Kapitalismus?
Jörg Goldberg
Überleben im Goldland
Afrika im globalen Kapitalismus
Verlag PapyRossa, Köln 2008,
249 Seiten, 16,90 Euro
Jörg Goldberg hat viele Jahre als Experte im Dienst der deutschen Entwicklungspolitik in verschiedenen afrikanischen Ländern verbracht, vor allem in Benin und Sambia. In diesem Buch befasst er sich mit den Entwicklungsproblemen des Kontinents. Es geht ihm weniger um seine persönlichen Erfahrungen als um die Begründung einer These zur Erklärung der „Ursachen des afrikanischen Entwicklungsrückstandes", und er tut dies in der Auseinandersetzung mit einer Fülle wissenschaftlicher Publikationen. Das Buch hat den Charakter eines politischen Essays, dessen Argumentation immer wieder um die zentrale These kreist, und lädt den Leser zum Diskutieren ein.
Laut Goldberg ist der Entwicklungsrückstand in Sub-Sahara-Afrika im Vergleich zu anderen Kontinenten auf die „familiäre Subsistenzlandwirtschaft" zurückzuführen, die sich trotz kolonialer und imperialer Durchdringung als Grundlage der afrikanischen Ökonomie behauptet habe. Aus diesem Grund habe sich in Afrika „die kapitalistische Produktionslogik" nicht „gegen die Sicherheitslogik des Subsistenzsektors durchsetzen" können.
Der Autor eines politischen Essays hat das Recht, die Überlegungen heranzuziehen, die seine These bekräftigen. Dennoch ist es etwas überraschend, dass Goldberg die kontroverse Debatte dependenztheoretischer Autoren, die sich um nichts anderes als die Integration der unterentwickelten Länder in den kapitalistischen Weltmarkt drehte, vollständig ausblendet. Auch der Bielefelder Ansatz, der die Subsistenzökonomie als eine Alternative zu neokolonialer Abhängigkeit erörtert, findet keine Erwähnung. Stattdessen greift Goldberg auf das Werk von Karl Marx zurück, um die Bedeutung der Produktionsweise für das Verständnis von Entwicklungsprozessen hervorzuheben.
In den vergangenen Jahren ist die Bedeutung der Politik für ein angemessenes Verständnis von Entwicklungsprozessen erkannt worden. Goldberg aber beharrt auf dem Vorrang der Ökonomie und lehnt die Positionen ab, die in neopatrimonial geprägtem Elitenverhalten eine wesentliche Ursache für Entwicklungsdefizite in Afrika (und auch anderswo) sehen. Durch die starre Gegenüberstellung von Ökonomie und Politik geht die Sicht auf die Wechselbeziehungen zwischen neopatrimonialem politischem Verhalten und traditionellen sozio-ökonomischen Strukturen verloren. Diese würde das Phänomen patrimonial geprägter Konsumption (als Gegensatz zu entwicklungsorientierter Produktion) zum Vorschein bringen, das Entwicklung behindert und zugleich durch kapitalistisches Gewinnstreben geprägt ist.
In den drei Schritten seiner Analyse von der Durchdringung Afrikas durch den Kapitalismus über Merkmale seiner Entwicklungsrückstände bis zur Frage, wie der Kapitalismus in Afrika Wurzeln schlagen kann, enthält das Buch zahlreiche lesenswerte Abschnitte, etwa über die Landwirtschaft in Afrika, in denen Goldbergs langjährige Erfahrungen zum Tragen kommen. Es bleibt die Ambivalenz seiner Aussage, dass Afrika im Kapitalismus, aber der Kapitalismus nicht in Afrika angekommen ist, die bereits im Titel seines Buches anklingt: „Überleben im Goldland - Afrika im globalen Kapitalismus". Das Wort „Goldland" verwendet Hegel in seinen herabwürdigenden Bemerkungen über Afrika, die Goldberg zu Recht als „blühenden Unsinn" bezeichnet - um es dann doch als Metapher für die in der Subsistenzwirtschaft verharrende Rückständigkeit Afrikas zu wählen.
Peter Meyns
