Frauen als Ware: Skrupellose Machtspiele
Mary Kreuzer, Corinna Milborn
Ware Frau.
Auf den Spuren der modernen Sklaverei von Afrika nach Europa
Ecowin Verlag, Salzburg 2008,
234 Seiten, 19,95 Euro
Menschenhandel ist eines der lukrativsten Geschäfte, vor allem der Handel mit jungen Frauen aus Osteuropa und Afrika blüht. Diese sachliche Reportage dokumentiert die Hintergründe der kriminellen Verflechtungen. Die österreichischen Politologinnen Mary Kreuzer und Corinna Milborn nehmen den Verkauf junger Nigerianerinnen nach Europa ins Visier. Sie zeigen die komplexen Wechselwirkungen von skrupelloser Ausbeutung, dumpfem Rassismus und struktureller Frauenverachtung auf. Ihre akribische Recherche über Verstöße gegen internationale Abkommen und nationale Gesetze, über Korruption bei der Vergabe von Visa und die oft subtile Kooperation zwischen Polizisten und Zuhältern macht deutlich, wie staatliche Institutionen und Kriminelle zusammenarbeiten, damit das Geschäft mit der „Ware Frau" reibungslos verläuft.
Ihre Analyse berücksichtigt sozio-kulturelle Dimensionen, die auch vielen Lesern neu sein dürften. Denn sie weisen nach, dass korrupte Vertreter von Pfingstkirchen in Europa und lokale Priester in Nigeria durch ihre Kulte, massive Einschüchterungen und Morddrohungen aktiv dazu beitragen, junge Mädchen aus verarmten ländlichen Familien in die Fänge von Schleppern zu treiben. Dabei zählen keineswegs nur Männer zu den Profiteuren. Auch wohlhabende Nigerianerinnen beuten die jungen Frauen aus. Mächtige nigerianische Händlerinnen, die in den 1970er Jahren nach Europa gekommen sind und seitdem gute Verbindungen zu kriminellen Netzwerken in ihrer Heimat pflegen, lassen sich „Frischware" vor allem aus dem Umland von Benin City im Bundesstaat Edo beschaffen. Das hält sie aber keineswegs davon ab, großes Ansehen in Pfingstkirchen zu erwerben; im Gegenteil: ihre solide Finanzbasis ermöglicht ihnen, dort als besonders zahlungskräftige Mitglieder aufzutreten. Damit die Pfingstkirchen mit genug Gläubigen rechnen können, bringen die sogenannten „Madams" ihre Untergebenen gleich mit.
Dieses Machtspiel, bei dem die jungen Frauen in religiöser Gemeinschaft die Illusion von Zusammenhalt und Heimat erleben, um anschließend wieder zum Geldverdienen auf den Straßenstrich geschickt zu werden, belegt eindrücklich, wie Ausbeutung zwischen Frauen funktioniert. Die Autorinnen betonen, dass sie keineswegs nigerianische Migranten oder Pfingstkirchen unter Generalverdacht stellen, sondern dass sie Kriminelle verurteilen, die Sub-Kulturen von Migranten gezielt unterwandern und für ihre Zwecke missbrauchen.
Solange die Zwangsprostituierten nicht geschützt, sondern selbst kriminalisiert werden und mit Abschiebungen und erneuter Ausbeutung in ihrer Heimat rechnen müssen, wird der gewinnbringende Frauenhandel weiter expandieren. Daher prangert das Buch nicht nur die europäische Migrations- und Afrikapolitik an. Darüber hinaus fordern die Autorinnen ein Ende der Korruption in Behörden sowie Arbeitsmöglichkeiten für Migrantinnen und Asylbewerberinnen außerhalb der Prostitution. Das Buch richtet sich insbesondere an Männer: Wenn sie bereit sind, verantwortungslose Kollegen, Vorgesetzte und Freunde zu kritisieren, tragen sie aktiv zum Kampf gegen Zwangsprostitution bei.
Rita Schäfer
