Wie Kleinkredite wirken
VENRO (Hrsg.)
„Mein Wort zählt"
Mikrokredite: Kleines Kapital - große Wirkung
Brandes & Apsel Verlag, Frankfurt 2007, 160 Seiten, 15,90 Euro
Mikrokredite haben seit der Verleihung des Nobelpreises an Muhammad Yunus, den Gründer der Grameen Bank in Bangladesch, im Jahr 2006 auch außerhalb der entwicklungspolitischen Fachwelt an Bekanntheit und Interesse gewonnen. Können Mikrokredite Armut verringern und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Diesen Fragen geht ein Bericht nach, den der Verband Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO) herausgegeben hat. Die 32 indischen und 14 deutschen nichtstaatlichen Organisationen (NGO), die daran mitgearbeitet haben, betreiben in Südindien Entwicklungsprogramme für Arme und Ausgegrenzte mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten.
Geschildert und analysiert werden Geschichten von Frauen und Selbsthilfegruppen, die gelernt haben, mit Geld umzugehen und ihre Lebenssituation zu verbessern: etwa die Tochter ungelernter Tagelöhner, die sich bis zur Pächterin eines Bootsverleihs hoch gearbeitet und den Teufelskreis der vererbten Armut durchbrochen hat, oder die zwölf Frauen, die über die Bildung einer Spargruppe ein eigenes Kreditinstitut gegründet haben. Darüberhinaus wird aber auch über Misserfolge berichtet. Denn gerade das Scheitern zeigt, „dass Kleinkredite nicht automatisch den Ausweg aus der Armut bedeuten". In den gradlinigen Erfolgsgeschichten wird oft ausgeblendet, dass mehr dazu gehört. Erfolgreiche Entwicklungsprojekte beginnen selten sofort mit Mikrokrediten. Oft muss zunächst eine Grundversorgung mit Wasser, Nahrung und medizinischen Diensten aufgebaut werden. Armut richtig einzuschätzen, sagen die Autoren, sei der erste Schritt zu ihrer Bekämpfung. Entwicklung müsse an mindestens drei Knoten ansetzen. Der Mangel an Kapital ist nur einer davon. Meist fehlt es den armen Menschen an Selbstbewusstsein. Sie kennen ihre Rechte nicht und haben keine Lobby. Der zentrale Punkt, ohne den sich keine Veränderung einstellt, sei, die Rolle der Frauen zu stärken. Nach den Erfahrungen der NGOs geschieht das am besten in Selbsthilfegruppen. Der Bericht gibt einen informativen und differenzierten Einblick in die Armutsbekämpfung mit Hilfe von Mikrokrediten. Er sei allen empfohlen, die sich in der Entwicklungszusammenarbeit engagieren oder einen Teil ihrer Ersparnisse über einen Fonds, eine Genossenschaft wie Oikocredit oder eine Hilfsorganisation für Kleinkredite an Arme und Ausgegrenzte zur Verfügung stellen wollen.
Karl Kerschgens
