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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Das Dilemma der Entwicklungszusammenarbeit

Paul Kevenhörster und Dirk van den Boom
Entwicklungspolitik. Lehrbuch
Elemente der Politik, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, 112 Seiten, 12,90 Euro

Theo Rauch
Entwicklungspolitik.
Theorien, Strategien, Instrumente
Westermann Verlag, Braunschweig 2009, 383 Seiten, 27,95 Euro


Der im Titel des sogenannten Brandt-Berichts von 1980 – „Das Überleben sichern“ – anklingende Zweifel an dem Versprechen von Entwicklung schien in den großen UN-Konferenzen der frühen 1990er Jahre noch einmal widerlegt: Hier wurden die Konturen einer Weltordnung skizziert, die gerechte und nachhaltige Entwicklung global gewährleisten könnte. Die Millenniumsziele hingegen sehen nur mehr eine Halbierung der absoluten Armut bis 2015 vor, und auch dies wird wohl kaum erreicht werden. Grund genug also, über Entwicklungspolitik ins Grübeln zu geraten.

Die beiden vorliegenden Publikationen zur Entwicklungspolitik verstehen sich als Lehrbücher und gehen von der Möglichkeit und politischen Machbarkeit von Entwicklung aus. Das allein schon macht neugierig. Der Band von Paul Kevenhörster und Dirk van den Boom ist jedoch von der Auswahl und der Bearbeitung der Themen her eher enttäuschend. Der modernisierungstheoretische Hintergrund wird kaum hinterfragt; es überwiegen Definitionen, die nicht analytisch aufbereitet werden, und die Darlegung von Fakten, deren Kontext sich nicht erschließt. Der Fokus liegt auf Instrumenten und Verfahren, über entwicklungsstrategische Debatten erfährt man hingegen wenig.

Anders das Buch von Theo Rauch: Er nimmt die Dauer-Legitimationskrise von Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit zum Ausgangspunkt, ein Plädoyer für die Möglichkeit gelingender Entwicklung vorzulegen. Die Schwierigkeiten zielbezogener Entwicklungsdefinitionen, die Tatsache, dass nachholende Entwicklung für die Masse der Menschen unerreichbar geworden ist, und die Ungewissheiten einer noch zu erfindenden global nachhaltigen Entwicklung – all das löst Rauch durch eine Prozessdefinition auf, die eine Handlungsorientierung gibt: Entwicklung ist der „Prozess der zunehmenden Fähigkeit zur kontextgerechten und selbstbestimmten nachhaltigen Problemlösung unter besonderer Berücksichtigung des Problems unzureichender Grundbedürfnisbefriedigung“. In seinem „multidimensionalen Mehr-Ebenen-Ansatz“ werden die Ebenen global, national, regional, lokal mit den Dimensionen ökonomisch, ökologisch, politisch-institutionell, gesellschaftlich mit Blick auf Handlungsstrategien, Verfahrensweisen und Instrumente durchbuchstabiert und mit bündigen Einführungen in die relevanten Theorien verknüpft. Der Fokus liegt deutlich, wenn auch unausgesprochen, auf staatlicher Entwicklungszusammenarbeit und -politik; zivilgesellschaftliche Kräfte sind eher komplementär zugeordnet. Ein menschenrechtliches Wertegeländer läuft unaufdringlich mit. Charts, Schaubilder, Tabellen, Organigramme, Karikaturen und Fotos verdichten seine Ausführungen und geben hervorragendes pädagogisches Material ab.

Allerdings führen die von Rauch immer wieder beschworene Synthese von unterschiedlichen Ansätzen und die Kombination von Verfahrensweisen zu einem oft kaum mehr vermittelten Nebeneinander. So folgen auf kundig und überzeugend dargelegte Strategien des armutsorientierten Wachstums oder der Priorität für Überlebenssicherung lapidare Konditionalsätze: Alle Ebenen müssen von den gleichen ethischen Grundsätze geleitet sein, kleingewerbliche Produktion muss sich global gegen kapitalintensive durchsetzen, globale Regulierung muss die Marktchancen der Entwicklungsländer sichern. Hier spricht der erfahrene und reflektierende Praktiker der Entwicklungszusammenarbeit, den die politischen Rahmenbedingungen immer wieder im Stich lassen, dessen Instrumente aber nicht über seinen fachlichen Bannkreis hinausreichen: Sie erlauben ihm nicht, an kritisch-alternative Denkentwürfe und soziale Kräfte Anschluss zu finden. Darin mag man eine ernst zu nehmende (Selbst-)Begrenzung sehen. Sie bildet aber auf exakt das Dilemma der klassischen Entwicklungszusammenarbeit ab.


Claudia von Braunmühl

welt-sichten 06-2010