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Die Schattenseiten ans Licht gebracht

Liao Yiwu
Fräulein Hallo und der Bauernkaiser.Chinas Gesellschaft von unten
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 539 Seiten, 22,95 Euro


Liao Yiwu ist für chinesische Zensurbehörden ein rotes Tuch. Anfang März wurde der Schriftsteller an einer Reise nach Köln gehindert und in letzter Minute aus dem startbereiten Flugzeug gezerrt. Das wirkt wie eine hilflose Schikane, schließlich ist das Buch „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser“ in Deutschland längst ein Bestseller. Es enthält eine Auswahl von Liao Yiwus Gesprächen mit Außenseitern der chinesischen Gesellschaft – etwa mit einer Hure und einem Menschenhändler, mit Mönchen, ehemaligen Großgrundbesitzern und einer Frau, die als Anhängerin der verbotenen Sekte Falungong ins Irrenhaus gebracht wurde. Das Buch wurde in Taiwan auf Chinesisch publiziert und ist in der Volksrepublik China verboten.

Doch es ist kein vordergründig politisches Buch. Liao Yiwu lässt Menschen, denen das Leben übel mitgespielt hat, von ihren Erlebnissen und ihrem Alltag erzählen. Er lässt dabei gegensätzliche Urteile gelten – zum Beispiel das des früheren Rotgardisten, der Mao Zedong weiter in Schutz nimmt, genauso wie das der Opfer der Roten Garden während der Kulturrevolution. Nur wenige Gespräche beschäftigen sich direkt mit der Repression seit Beginn der Reformpolitik Ende der 1970er Jahre, insbesondere dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens von 1989.

Der politische Sprengstoff liegt tiefer. Liao Yiwu legt mit Hilfe von Zeitzeugen Schattenseiten der Geschichte Chinas bloß. Man erfährt viel über Enteignungen und den „Klassenkampf“ in der Revolution von 1949 oder über die Grausamkeiten der Kulturrevolution. Bräuche auf dem Land und der Aberglaube dort werden durchaus mit Sympathie geschildert. Insgesamt aber entsteht ein bedrückendes Panorama der Gewalt. Einige Berichte, etwa der vom Kannibalismus während der politisch verursachten Hungersnot der 1960er Jahre, sind kaum zu ertragen. Auch wenn vieles längst vorbei ist: In den Augen der Zensoren dürfte das das Bild ihres Landes im Ausland besudeln.

Mehr noch: Liao Yiwu, der seit der Veröffentlichung eines Gedichts über das Massaker von 1989 mehrfach inhaftiert und im Gefängnis schwer misshandelt wurde, verkörpert geradezu den Widerstand gegen die Zensur, und das Buch ist ein impliziter Angriff auf sie. Das Gespräch mit einem „Konterrevolutionär“ zeigt das wie in einem Brennglas: Ein treuer Anhänger der Kommunistischen Partei (KP) und hoher Bankangestellter sieht zufällig, wie Soldaten 1989 in Peking einen jungen Mann erschießen, und schildert das entsetzt in einem Flugblatt. Die Polizei macht ihn ausfindig. Kollegen und Parteigenossen, die wissen, dass er die Wahrheit sagt, setzen ihn unter Druck. Er soll behaupten, dass er sich irrt – dann käme er fast schadlos davon. Er weigert sich aber, muss ins Gefängnis, und seine Karriere ist beendet.

Die KP also bestraft nicht einfach die Äußerung von Meinungen. Sondern jede und jeder soll, wenn sie es verlangt, Tatsachen vergessen und verleugnen. Wie der Bankangestellte lehnt Liao Yiwu das ab und gibt stattdessen Menschen am Boden der Gesellschaft sowie Opfern der KP ihre Wahrheit zurück. Die gereizte Reaktion der Zensurbehörden ist ein Hinweis, dass sie, auch wenn das Buch einen anderen Eindruck erweckt, diesen Kampf nicht mehr gewinnen können.


Bernd Ludermann

welt-sichten 06-2010