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Mit Fußball gegen die Katerstimmung?

Bartholomäus Grill
Laduuuuuma!
Wie der Fußball Afrika verzaubert
Hoffmann und Campe, Hamburg 2009, 254 Seiten, 20 Euro

Jens Erik Ambacher und Romin Khan (Hg.)
Südafrika. Grenzen der Befreiung
Assoziation A, Berlin 2010, 263 Seiten, 16 Euro

Renate Wilke-Launer (Hg.)
Südafrika. Katerstimmung am Kap
Brandes & Apsel, Frankfurt 2010,
220 Seiten, 19,90 Euro


Erstmals findet die Fußball-Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden statt. Das liefert reichlich Stoff für Berichte in den Medien, aber auch für neue Bücher. Vielen geht es nicht nur um die sportliche Seite des Großereignisses, sondern auch darum, den afrikanischen Kontinent und vor allem das Gastgeberland Südafrika dem deutschen Publikum näher zu bringen.

Begeisterung steckt an – so lässt sich die Wirkung von Bartholomäus Grills „Laduuuuuma!“ beschreiben. Der langjährige Korrespondent der „Zeit“ und Fußballfan nimmt die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise durch den afrikanischen Kontinent, der, so schreibt er, 80 Jahre lang auf das Turnier gewartet hat. Mit großem Hintergrundwissen und viel Liebe zum Detail schildert er lebendig den Alltag auf staubigen Bolzplätzen, auf denen gerne auch einmal Magie zum Einsatz kommt. Er schreibt über Korruption im Sport, über die heilende, friedensstiftende Kraft des Fußballs, aber auch über seine Macht, die Menschen zu entzweien.

Im Mittelpunkt aber steht Südafrika. Grill berichtet über die Situation im Gastland der WM 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid und die Qualitäten des Nationalteams „Bafana Bafana“. Natürlich kommt auch er nicht an der Frage vorbei, ob das Land in der Lage ist, die organisatorischen Meisterleistungen, die mit dem Turnier verknüpft sind, zu vollbringen. Er wirft einen kritischen Blick auf die Schwachstellen – Sicherheit, Transport, Ticketverkauf – und kommt dann zu dem Schluss, die Südafrikaner würden das schon schaffen. Ob man Fußball liebt und mehr über Afrika wissen will oder umkehrt: Mit diesem Buch, das auch als Hörbuch erschienen ist, kommt man auf seine Kosten.

Der von Jens Erik Ambacher und Romin Khan herausgegebene Sammelband geht nur in einem Kapitel auf die Fußball-WM ein: auf ihren möglichen Beitrag für eine soziale Stadtentwicklung. Dazu äußern sich ein Geschichtsprofessor aus Johannesburg und ein Straßenhändler aus Durban gleichermaßen skeptisch. Sie befürchten eine wachsende Ausgrenzung von Armen zugunsten sauberer und vorzeigbarer Viertel und Straßen – das ist wenig überraschend, vor allem vor dem Hintergrund, den die anderen Beiträge des Buches ausleuchten.

17 Autorinnen und Autoren, die Mehrheit aus Südafrika, analysieren die Vielzahl von Konflikten, die die „Regenbogennation“ heute umtreiben: die wachsende Kluft zwischen arm und reich, die schleppende Landreform, Gewalt gegen Frauen, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sowie der Kampf gegen HIV/Aids. Geschildert werden ferner die Entwicklung des Afrikanischen Nationalkongresses, dem es seit seiner Machtübernahme 1994 nicht gelungen ist, die gesellschaftlichen Ungleichheiten zu verringern, sowie die Versuche, die Zeit der Apartheid gesellschaftlich aufzuarbeiten. Leider kommen einige Beiträge des informativen Buches sehr theoretisch und trocken daher, Interviews wie das mit dem Aids-Aktivisten Zackie Achmat sind eine willkommene Auflockerung.  

Ganz anders der Band, den die Publizistin und Afrika-Kennerin Renate Wilke-Launer herausgegeben hat. Sie versammelt zehn kritische Stimmen von Schriftstellern, Wissenschaftlern, Aktivisten und Journalisten, die sich ebenfalls mit Missständen in der südafrikanischen Gesellschaft auseinandersetzen, aber einen sehr viel schärferen und zum Teil auch persönlicheren Stil pflegen. Ihre Beiträge liefern eine schonungslose Analyse der gegenwärtigen Schwierigkeiten. So warnt etwa der Publizist William Gumede davor, dass der Afrikanische Nationalkongress denselben Weg nehmen könnte wie andere afrikanische Befreiungsbewegungen, die zu egoistischen Herrschern geworden sind und denen jegliches Interesse für ihr Volk abhanden gekommen ist.

Die Ärztin und Geschäftsfrau Mamphela Ramphele befasst sich mit dem Versagen des öffentlichen Dienstes und fragt nach den Ursachen dafür. In den Reportagen von Jonny Steinberg wird unmittelbar lebendig, was es heißt, mit der Immunschwächekrankheit Aids oder als Einwanderer in Südafrika zu leben. Auch der Machtverlust der weißen Minderheit seit dem Ende der Apartheid wird thematisiert. Der Pädagogikprofessor Jonathan D. Jansen analysiert die Sozialisation von Afrikaaner-Kindern und berichtet von seinen Begegnungen mit ihnen. Seine sehr persönlichen Schilderungen bereiten den Weg zum Verständnis für ihre Schwierigkeiten, einen Platz in der Gesellschaft und ein Verhältnis zu der schwarzen Bevölkerungsmehrheit zu finden.

Doch das Buch bleibt nicht bei der Kritik stehen: Zum Abschluss fasst die Herausgeberin drei Szenarien für die Zukunft Südafrikas zusammen, die eine Gruppe von 35 Intellektuellen und Aktivisten unter Führung von Mamphela Ramphele entwickelt hat. Mit der optimistischen Variante, dem „Walk Together“ , plädieren sie eindringlich für mehr Gemeinsinn und Beteiligung der Bürger an der Entwicklung ihrer Dörfer und Städte. Ergänzt wird der empfehlenswerte Band mit eine Auswahl von Sachbüchern, Belletristik und Musik über und aus Südafrika sowie weiterführenden Internet-Adressen. Allen drei Büchern ist auch nach dem Ende der Fußball-WM ein breites Lesepublikum zu wünschen.


Gesine Wolfinger

welt-sichten 06-2010