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Streifzüge durch Afrika

Rupert Neudeck
Die Kraft Afrikas. Warum der Kontinent noch nicht verloren ist
C.H. Beck, München 2010, 254 Seiten, 19,95 Euro


An großen Theorien hat Rupert Neudeck kein Interesse. Er verlässt sich lieber darauf, was er in den vergangenen 25 Jahren in Afrika mit eigenen Augen gesehen hat und was ihm die Menschen dort über sich und ihr Leben erzählt haben. Das vor allem macht „Die Kraft Afrikas“ zu einer kurzweiligen und lohnenden Lektüre. Wer eine fundierte Analyse über die Hemmnisse und Chancen für Entwicklung auf dem schwarzen Kontinent sucht, wird eher enttäuscht sein. Wer sich aber darauf einlässt, einen wachen und aufgeschlossenen Beobachter auf seinen Streifzügen zwischen Khartum und Kapstadt wie auch in die Geschichte Afrikas zu begleiten, kann eine ganze Menge erfahren.

Neudeck schreibt klar und weitgehend schnörkellos, nur manchmal wird er etwas pathetisch. Doch das sei einem, der so engagiert bei der Sache ist, verziehen. Der frühere Journalist liebt die Menschen, wenn auch nicht unbedingt die Menschheit. Sein Buch ist von der ihm eigenen Zuversicht durchtränkt, wer Gutes tun wolle, der könne das auch. Natürlich treibt auch Neudeck die Frage um, warum Afrika heute nicht so weit ist wie Asien oder Lateinamerika. Seine Antwort unterscheidet sich nicht wesentlich von der anderer Beobachter: Es gibt zu wenige afrikanische Führer, die das Wohl ihrer Völker im Sinn haben. Afrikas Staaten hätten die Chance der Unabhängigkeit schlecht genutzt, schreibt Neudeck. An anderer Stelle zitiert er den Präsidenten Ugandas, Yoweri Museveni, mit den Worten, die Asiaten hätten mehr Disziplin als die Afrikaner – womit dieser die Schuld wieder dem Volk zuschiebt, denn sich selbst wird er kaum gemeint haben.

Ausführlich widmet sich Neudeck der Kolonialzeit und ihren Nachwirkungen. In dieser Hinsicht hebt sich sein Buch wohltuend von anderen derzeit populären Erklärungen der Lage Afrikas ab, in denen so getan wird, als könne man 500 Jahre Sklavenhandel und Kolonialismus getrost ignorieren, da seit der Unabhängigkeit doch schon 50 Jahre vergangen seien. In seiner Kritik der Entwicklungshilfe jedoch fällt Neudeck auf das Niveau des von ihm mit initiierten Bonner Aufrufs für eine andere Entwicklungspolitik herab. Seit der Beruf „Entwicklungshelfer“ erfunden worden sei, könne sich dieser „nicht mehr durch seine eigene Arbeit selbst entbehrlich machen wollen“, schreibt Neudeck. Diesen Geburtsfehler identifiziert er durchaus scharfsinnig als Hauptursache für die von ihm diagnostizierte Wirkungslosigkeit und Schädlichkeit von Entwicklungshilfe. Aber dann wirft er GTZ-Experten, NGO-Mitarbeiter und freiwillige Entwicklungshelfer in einen Topf und übergießt sie mit seiner Abscheu gegen die „Entwicklungs-Mafia“. Seine eigene Organisation „Grünhelme“ bleibt davon natürlich ausgenommen. Doch worin unterscheidet diese sich eigentlich von vielen anderen nichtstaatlichen Hilfsinitiativen, die in Afrika Gutes tun wollen?


Tillmann Elliesen

welt-sichten 06-2010