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„Behandlung ist keine Wunderwaffe“

Zur Aids-Bekämpfung müssen Gesundheitssysteme aufgebaut werden

Die Mitglieder der Vereinten Nationen haben sich 2001 verpflichtet, allen Menschen mit HIV-Aids bis 2010 Zugang zu Prävention, Behandlung und Pflege zu verschaffen. Sonja Weinreich, Gesundheitsexpertin des Evangelischen Entwicklungsdienstes (EED), hat Anfang Juni in New York an der UN-Konferenz zur Überprüfung der Fortschritte teilgenommen.

Wie viele Menschen weltweit brauchen Zugang zu Vorbeugung und Behandlung?

Aids-Prävention brauchen alle Menschen, vor allem junge Leute und Risikogruppen wie Homosexuelle, Prostituierte und Drogenabhängige. Alle HIV-Infizierten benötigen irgendwann eine Behandlung, sonst sterben sie. Im Jahr 2010 werden schätzungsweise 13 Millionen Menschen behandelt werden müssen. Zurzeit sind weltweit 33 Millionen Menschen mit dem HI-Virus infiziert, täglich kommen 6800 hinzu.

Wie weit ist man denn zurzeit?

Ich habe zwischen 1995 und 2000 als Ärztin und Entwicklungshelferin in Sambia gearbeitet. Damals waren ein Drittel der Erwachsenen HIV-infiziert. Es gab wenig Aufklärung und keine Behandlung. Die Aidskranken sind einfach nur gestorben. Inzwischen erhalten etwa 50 Prozent der Aidskranken in Sambia antiretrovirale Medikamente. Weltweit haben 30 Prozent der Menschen, die diese Arzneimittel brauchen, Zugang dazu. Das ist ein Riesenfortschritt, aber eben immer noch nicht genug. Diese Medikamente müssen lebenslang eingenommen werden. Sie dürfen niemals damit aufhören wie etwa bei Malaria.

Welches sind die größten Hindernisse im Kampf gegen HIV-Aids?

Die Medikamente sind sehr teuer. Das liegt an der Preispolitik der Pharmaindustrie und dem Patentschutzsystem der Welthandelsorganisation WTO. Wir fordern, dass die Pharmafirmen in den armen Ländern auf Patente verzichten oder die Preise reduzieren, damit die Menschen sich die Arzneimittel leisten können. Einige Pharmakonzerne bieten die Medikamente in einigen Ländern zwar bereits billiger an. Das tun sie aber nur sehr punktuell und es kann jederzeit zurückgenommen werden. In manchen Entwicklungsländern sind Medikamente auch deshalb teuer, weil auf sie Einfuhrzölle erhoben werden. Diese Länder sollten alles tun, um die Arzneimittelpreise zu reduzieren. Mit Medikamenten allein ist es aber nicht getan, wenn niemand da ist, der sie verschreiben kann. In vielen Entwicklungsländern sind die Gesundheitssysteme zu schwach. Es gibt zu wenig Krankenhäuser, viele von ihnen sind nicht ausreichend ausgestattet. Es fehlen Ärztinnen und Ärzte, vor allem in Afrika, weil viele von ihnen abwandern.

Wie steht es mit der Finanzierung?

Die Bundesregierung stellt ab diesem Jahr jährlich 500 Millionen Euro für HIV-Aids-Programme zur Verfügung. Mindestens der doppelte Betrag wäre nötig. Wenn sich Deutschland entsprechend seiner Wirtschaftskraft beteiligen würde, wären Steigerungen auf knapp zwei Milliarden Euro im Jahr 2010 erforderlich. Die globalen Ausgaben müssen weiter steigen, da mehr Menschen Behandlung brauchen und die Prävention ausgeweitet werden muss. Die Bekämpfung von Aids darf allerdings auch nicht in Konkurrenz treten zu anderen Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit. Vielmehr sollte die Entwicklungshilfe insgesamt erhöht werden.

Wie beurteilen Sie die Debt-2- Health-Initiative, also die Umwandlung von Schulden in Gesundheitsmaßnahmen?

Ich halte das für eine gute Initiative. Die Bundesregierung hat Indonesien 50 Millionen Euro Schulden erlassen, mit der Auflage, dass 25 Millionen in den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose eingezahlt werden. Die indonesische Regierung kann dann für entsprechende Maßnahmen Mittel aus dem Fonds beantragen und selbst entscheiden, wie sie das Geld ausgeben will. Der Antrag muss allerdings mit den inhaltlichen Kriterien des Globalen Fonds übereinstimmen. Das wird von einem Expertengremium überprüft. Man hofft, dass sich weitere Industrie- und Entwicklungsländer der Debt-2-Health- Initiative anschließen.

Mehr als 60 Prozent der HIV-Infizierten in den Ländern südlich der Sahara sind weiblich. Was wird getan, um Frauen und Mädchen zu unterstützen?

Viele nichtstaatliche Organisationen, darunter der EED, engagieren sich seit Jahren in der Stärkung von Frauen und Mädchen. Dennoch werden sie in vielen Ländern immer ärmer, das macht sie verletzlich für eine HIV-Infektion. Arme Mädchen sind teilweise sogar gezwungen, sich zu prostituieren, damit sie das Schulgeld bezahlen können. Sexuelle und reproduktive Rechte sind zudem in vielen Ländern noch immer tabu. Unsere Partnerorganisationen vermitteln Frauen, wie sie sich gegen Übergriffe wehren können.

Ein anderes Problem ist das frühe Heiratsalter. Die Mädchen möchten dann auch Kinder bekommen, können also keine Kondome benutzen. Sie haben ein hohes Risiko, sich bei ihren meist älteren Männern mit HIV anzustecken. Wenn es um solche Traditionen geht, muss man mit der gesamten Gemeinschaft arbeiten, um das Heiratsalter heraufzusetzen oder um zu erreichen, dass sich Paare auf HIV testen lassen. Das darf allerdings nicht dazu führen, dass Leute stigmatisiert werden.

Hat sich die soziale Situation von HIV-Positiven in den vergangenen Jahren geändert?

Da hat sich einiges getan. Das liegt vor allem an den Behandlungsmöglichkeiten, die den Menschen wieder Lebensmut geben. Wer weiß, dass er nicht mehr lang zu leben hat, hat nicht den Mut, zu seiner Krankheit zu stehen. Wenn man zum Arzt gehen kann und Medikamente bekommt, kann man sich ganz anders mit einer möglicherweise feindlichen Umgebung auseinandersetzen. Behandlung ist aber keine Wunderwaffe. Viele Aidskranke sagen noch immer, das schlimmste ist nicht die Krankheit selbst, sondern die soziale Ausgrenzung.

Welche Rolle spielen die Kirchen im Kampf gegen HIV-Aids?

Sowohl die protestantische als auch die katholische Kirche haben sich sehr bewegt. Schon lange kümmern sie sich um Aids-Witwen und -Waisen sowie um die Versorgung von Aidspatienten. In Afrika gibt es inzwischen sogar ein Netzwerk von Priestern und Pfarrern, die mit HIV leben. Das sind mehrere Tausend, die an die Öffentlichkeit gehen und Aufklärungsarbeit machen. Sie haben eine ganz starke Stimme. Je mehr HIV-Infizierte sich öffentlich dazu bekennen, desto mehr wird die Krankheit entstigmatisiert. Das Tabu wird gebrochen.

Das Gespräch führte Gesine Wolfinger.


Sonja Weinreich
ist Referentin für Gesundheit beim Evangelischen Entwicklungsdienst (EED).

welt-sichten 7-2008