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„Fast drei Viertel der Mexikaner haben kein würdiges Leben“

Die katholische Kirche kümmert sich im Norden Mexikos um Auswanderer

Gespräch mit Bischof Raúl Vera

Viele Mexikaner und Zentralamerikaner sehen in ihrer Heimat keine Zukunftsperspektive und versuchen, in die USA auszuwandern. Die katholische Kirche unterhält in Saltillo, der Hauptstadt des Bundesstaates Coahulia, ein Haus für Migranten und setzt sich für eine Verbesserung ihrer Rechte ein. Bischof Vera wird von der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für internationale Entwicklung und Mission und von Adveniat unterstützt.

Sie kamen im Jahr 2000 von Chiapas im äußersten Süden Mexikos nach Saltillo im Nordosten. Sind das zwei unterschiedliche Welten?

Ja, aber die Ursachen, die den sozialen Problemen zugrunde liegen, sind die gleichen. Die Probleme haben einfach andere Erscheinungsformen.

Zum Beispiel die Auswanderung in die USA?

Ja. Nach Saltillo kommen sowohl mexikanische als auch zentralamerikanische Auswanderer. Von hier gehen Busse und Züge in die USA. Die Zentralamerikaner sind schlimmer dran, weil sie keine Papiere haben. Die Mexikaner reisen ganz offen mit dem Bus. Die Zentralamerikaner weichen dagegen in dünn besiedelte Gegenden aus, werden dort aber oft überfallen und ausgeraubt. Da es in Mexiko keine Passagierzüge mehr gibt, müssen sie Güterzüge benutzen. Dort werden sie Opfer der privaten Sicherheitsleute, die sich gegenüber den Emigranten wie Paramilitärs verhalten. Sie werfen sie zum Beispiel aus fahrenden Zügen. Dabei kommen viele unter die Räder und werden verstümmelt oder getötet. Dieser Sicherheitsdienst erledigt die Drecksarbeit der US-Grenzpolizei.

Aus welchen Ländern kommen diese illegalen Migranten?

Vor allem aus Honduras, das noch immer unter den Schäden leidet, die der Hurrikan Mitch 1998 angerichtet hat. Einige kommen auch aus El Salvador, Nicaragua oder Guatemala. Jede Woche betreuen wir um die 300 Menschen in unserem Haus der Migranten. Wir helfen ihnen im Umgang mit den Behörden, sie bekommen eine warme Mahlzeit und ein Bett. Manche bleiben nur ein paar Tage, andere ein halbes Jahr. Im vergangenen Jahr haben wir insgesamt 9000 Menschen betreut.

Unterhält die Diözese weitere soziale Einrichtungen?

Es gibt ein Menschenrechtsbüro und eine Stelle, die speziell für die Reche von Migranten eintritt. Wir versuchen, einen menschlicheren Umgang mit den Migranten zu fördern. Das geht einerseits über den Dialog mit der Gesellschaft, andererseits über den Dialog mit den Behörden. Sie sollen die Migranten nicht als Verbrecher sehen, sondern als Opfer des wirtschaftlichen und politischen Systems. Wir haben mit Erfolg die Gesetzgebung beeinflusst. Bis vor kurzem galten in Mexiko illegale Einwanderer als Kriminelle, die man einsperren und bestrafen durfte. Das hat sich dank unserer Lobbyarbeit geändert: Wenn jemand keine Papiere hat, ist das nur noch eine Ordnungswidrigkeit. Die Leute können abgeschoben, aber nicht mehr eingesperrt werden. Auch Menschen, die Illegalen helfen, wurden früher kriminalisiert. Eine Frau saß deswegen drei Jahre im Gefängnis. Das geht jetzt nicht mehr.

Was müsste sich ändern, um die illegale Migration von Mexikanern in die USA zu stoppen?

Die illegale Migration in die USA kann nur wirksam bekämpft werden, wenn in Mexiko Arbeitsplätze geschaffen und gerechte Löhne bezahlt werden. Heute wird in Mexiko kaum mehr produziert. Das Geld wird mit Spekulationsgeschäften vermehrt. Wir leben in einer Spekulationsgesellschaft, in der keine Werkbänke mehr benötigt werden. Die Leute haben keine Arbeit. Logisch, dass sie auswandern. Der frühere Präsident Vicente Fox hat eine Kommission eingesetzt, die die Armut im Land erheben sollte. Sie hat festgestellt, dass 54 Prozent der Bevölkerung nicht regelmäßig essen. Wenn man Wohnung, Kleidung und andere Faktoren einbezieht, dann haben fast drei Viertel der mexikanischen Bevölkerung kein würdiges Leben. Ein Leben in Würde ist aber ein Menschenrecht.

Die Verteidiger des Freihandels weisen darauf hin, dass in den entwickelten Ländern nur zwei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeiten. Aus Bauern sollten Arbeiter oder Dienstleister werden.

Die Marktideologen glauben, dass die Regeln des Marktes genügen, um eine Gesellschaft ins Lot zu bringen. Das ist eine absurde Behauptung, denn sie lässt die menschliche Dimension unberücksichtigt. Man kann den Menschen nicht auf seinen kommerziellen Wert reduzieren. Bei uns in Saltillo wurde die Wasserversorgung an ein spanisches Unternehmen verkauft. Seither haben sich die Tarife vervierfacht. Da soll noch jemand sagen, dass Deregulierung allen nützt.

Sie engagieren sich nicht nur für Migranten. Sie haben sich auch für vergewaltigte Prostituierte eingesetzt?

Ja. Am 11. Juli 2006 haben uniformierte und bewaffnete Soldaten in der Bar El Pérsico in Coahuila mindestens 14 Frauen vergewaltigt. Vorher hatten sie die Polizisten, die dort aufpassten, entwaffnet und das Lokal abgesperrt. Sie begingen neben der Vergewaltigung mehrere weitere Straftaten, nämlich Freiheitsberaubung und Störung der öffentlichen Ordnung. Die Opfer haben rund 20 der beteiligten Militärs eindeutig identifiziert. Nur neun landeten vor Gericht und nur drei wurden zu hohen Strafen – zwischen 20 und 35 Jahren – verurteilt. Ich habe das Urteil kritisiert und wurde deswegen vom Richter beim Vatikan denunziert. Er hat bei der Römischen Kurie eine Klage wegen Amtsmissbrauchs und Rufschädigung gegen mich eingebracht.

Ist die Justiz immer so zimperlich?

Wenn es darum geht, soziale Basisorganisationen zu verfolgen, handeln Polizei und Justiz schnell. Zum Beispiel in San Salvador Atenco, wo Bauern schon vor ein paar Jahren eine Protestbewegung gegen einen geplanten Flughafen gegründet haben. Lokale Blumenzüchter wehrten sich dagegen, dass der Bürgermeister ihnen ohne sachliche Begründung die Erlaubnis verweigert hatte, ihre Ware auf dem Markt zu verkaufen. Es kam zu einem Protest vor dem Markt, dem sich auch die Bauern anschlossen, die für den Bau des Flughafens enteignet werden sollten. Sie hatten Erfahrung mit Demonstrationen und sperrten die Straße ab. Daraufhin schritt die Polizei mit aller Brutalität ein. Mehrere Frauen wurden vergewaltigt, Dutzende wurden illegal festgenommen. Das hat die offizielle staatliche Menschenrechtskommission alles dokumentiert. Kein Polizist wurde für die Gewaltexzesse belangt, aber einige der Anführer der Protestbewegung wurden zu 67 Jahren Gefängnis verurteilt.

Sie werden manchmal mit dem salvadorianischen Erzbischof Oscar Arnulfo Romero verglichen, der ursprünglich sehr konservativ war und dann im Kontakt mit der Wirklichkeit seines Landes die Option für die Armen entdeckte.

Das ist ein Vergleich, den ich nicht verdiene. Ich versuche natürlich, seinem Beispiel zu folgen. Bevor ich dem Orden der Dominikaner beitrat, war ich Chemieingenieur. Auf der theologischen Fakultät der Universität Bologna wurde ich dann in der Tradition des Thomas von Aquin ausgebildet. Dank der Dominikaner habe ich die sozialen Probleme entdeckt. Es war die Zeit der Enzyklika „populorum progressio“ und der Bischofskonferenz von Medellín. Als ich 1995 nach Chiapas kam, waren diese Anlagen bei mir also schon vorhanden. Aber erst durch meine Erfahrungen dort wurden sie wachgerufen.

Das Gespräch führte Ralf Leonhard.


Bischof Raúl Vera
steht seit 2000 an der Spitze der Diözese Saltillo im Norden Mexikos. Zuvor war er seit 1995 im südmexikanischen Bundesstaat Chiapas tätig – zunächst neben Bischof Samuel Ruiz, dann als dessen Nachfolger.

welt-sichten 7-2008