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Guter Journalismus allein reicht nicht

Krisen und Konflikte stellen an Berichterstatter besondere Anforderungen

„Wir dürfen im globalen Dorf nicht übereinander, sondern müssen miteinander reden.“ Mit diesen Worten eröffnete Erik Bettermann, der Intendant der Deutschen Welle, Anfang Juni in Bonn das erste Global Media Forum. Etwa 650 Teilnehmer aus aller Welt diskutierten über die Rolle der Medien in Konfliktregionen und darüber, wie Journalisten und Journalistinnen den Frieden fördern können.

„Hassmedien“ in Krisenregionen wie Radio RTLM in Ruanda, das 1994 offen zur Ermordung von Tutsis aufgerufen hat, können Konflikte zusätzlich anheizen. Der oft beschworene freie Informationsfluss ist offenbar kein Patentrezept für friedensfördernde Berichterstattung. Oder doch? Danforth W. Austin vom Sender „Voice of America“ meint, die beste Medienregulierung sei die, die mit den wenigsten Regeln auskomme. Auf dem Global Media Forum lobte er das interaktive Web 2.0, das mittels Blogs oder Videos stärker von den Nutzern gestaltet und deshalb wirksamer gegen konfliktanheizende „Hassmedien“ sei als das alte Web 1.0.: „Wenn viele Standpunkte gehört werden, dann kann einseitige Propaganda zerstreut werden“, sagte Austin.

Dieses Vertrauen in die Selbstregulierungskräfte der Medien teilen aber nicht alle. Aref Hijjawi (Al Jazeera Arabisch) verwies in Bonn darauf, dass jede Information zugleich eine bestimmte Perspektive enthalte und dass es „rote Linien“ gebe wie zum Beispiel religiöse Gefühle, die respektiert werden müssten. Bin-Laden-Videos würden von Al Jazeera nicht kommentarlos gesendet, sondern von der Redaktion erläutert und in einen Kontext eingebettet. Auch Jan Hoek (Radio Nederland) betonte, der „Kontext“ sei entscheidend – zum Beispiel dafür, ob man jemanden als „Terroristen“ oder „Freiheitskämpfer“ bezeichne: „Wenn Journalisten kritiklos Stereotypen verwenden, werden sie Teil des Konflikts.“

Während viele qualitativ hochwertigen Journalismus allein bereits als Beitrag zur Lösung von Konflikten werten, betonten Teilnehmer des Bonner Forums, die besonderen Herausforderungen in Krisenzeiten erforderten einen spezifischen Friedensjournalismus beziehungsweise konfliktsensiblen Journalismus. Vladimir Bratic, ein aus Bosnien stammender Medienforscher aus den USA, vertrat die Ansicht, Medien an sich beförderten tendenziell eher Konflikte als Frieden, da sie zumeist über negative Ereignisse berichteten – nach dem Motto: „Wenn Blut fließt, ist es ein Aufmacher“ (If it bleeds, it leads). Zudem würden Journalisten und Journalistinnen immer wieder instrumentalisiert wie jüngst im Irakkrieg als vom Militär „eingebettete Berichterstatter“.

Konfliktsensibler Journalismus dagegen, so Bratic, nehme die Perspektive der Opfer auf beiden Seiten ein, analysiere die Situation und verdeutliche mögliche Lösungen. Ein Beispiel sei die Medien- Kampagne für eine Friedensvereinbarung 1998 in Nordirland. Vor allem unterhaltende, emotionale Medienbeiträge können Konflikte entschärfen helfen. Ein Beispiel sind die Seifenopern, die Hutus und Tutsis im Studio Ijambo in Burundi gemeinsam produzieren. Die Organisation „Search for Common Ground“ startete das Projekt 1995 nach dem Völkermord in Ruanda. Die Schließung der irakischen Zeitung Al-Hawza durch US-Soldaten 2004 wiederum nannte Bratic als Beispiel für die Regulierung von hassfördernden Medien. Solche Maßnahmen wirkten aber nur, wenn sie in andere friedensbildende Aktivitäten eingebunden seien.

Medien in Krisenregionen müssten sich auf ganz unterschiedliche politische Situationen einstellen. In Simbabwe werden regimekritische Journalisten mit dem Tode bedroht, in Pakistan geraten sie ins Visier nichtstaatlicher Kräfte wie der Taliban oder der Drogenmafia. In solchen Ländern stößt das Journalistentraining westlicher Organisationen an Grenzen. Deshalb werden Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus Konfliktregionen in Nachbarländern oder in Europa fortgebildet, journalistische Produktion und Lernen werden miteinander verbunden und Journalisten und Journalistinnen aus verschiedenen Ländern einer Region gemeinsam geschult und ermutigt, Netzwerke zur gegenseitigen Unterstützung aufzubauen.

Beispiele für eine gelungene friedensfördernde Vernetzung von Medienschaffenden, Wissenschaftlern und Entwicklungsorganisationen sind das „Bonn Network“ zur Koordinierung internationaler Medienhilfe, das zur Zeit aufgebaut wird, und das nach dem Karikaturenstreit entstandene „Rapid Response Media Mechanism“ der UN-Allianz für Zivilisation, das unter anderem eine Datenbank von Experten und Expertinnen bietet, die konflikträchtige Ereignisse einordnen können. Die Suche nach Gemeinsamkeiten, die Zusammenarbeit verschiedener (ethnischer) Gruppen in den Redaktionen und die Einbindung der Medien in friedensfördernde Aktionen – das war auf dem Global Media Forum der rote Faden für einen konfliktsensiblen Journalismus, der durch Netzwerke befördert werden soll.


Bärbel Roeben

welt-sichten 7-2008