Lateinamerika als soziales Laboratorium
Herbert Berger / Leo Gabriel (Hg.)
Lateinamerika im Aufbruch.
Soziale Bewegungen machen Politik
Mandelbaum Verlag, Wien 2007
309 Seiten, 17,80 Euro
Der Wind in Lateinamerika hat sich gedreht. Spätestens
seit der Jahrtausendwende geht ein politischer
Linksruck durch den Kontinent. Seitdem haben
durchweg Politiker Wahlen gewonnen, die in den
Kampf gegen den Neoliberalismus gezogen sind, der
seit den 1970er Jahren die Region wie keine andere
geprägt hatte. Gleichwohl hat diesem Buch zufolge
nicht nur die allgemeine Enttäuschung über das Ausbleiben
wirtschaftliche Verbesserungen den Stimmungswandel
herbeigeführt. Für die Autorinnen
und Autoren verkörpern Politiker wie Hugo Chávez,
Luiz Inácio „Lula“da Silva, Cristina Kirchner oder Evo
Morales einen tief sitzenden Wandel im politischen
Bewusstsein, der sich in fast allen Ländern Lateinamerikas
seit Jahrzehnten abgezeichnet hat.
Der Sammelband „Lateinamerika im Aufbruch“ wirft einen ebenso spannenden wie kenntnisreichen Blick auf die Strukturen, Prozesse und Akteure, die die Politik des Kontinentes seit den 1960er Jahren geprägt haben. Er zeigt bei aller off enen Sympathie für die linken Experimente auch die Schwierigkeiten auf, vor denen linke Politiker nach 30 Jahren neoliberaler Politik stehen. Ob in der gemäßigten chilenischen Variante von Michelle Bachelet oder links außen wie Rafael Correa in Ecuador – gemeinsam ist der neuen Linken, dass sie in den Augen ihrer Wähler und nach ihrem eigenen Selbstverständnis jene vertritt, die die Rechnung der neoliberalen Reformen bezahlen mussten, während die Oberschicht rauschende Feste feierte. Für die Autorinnen und Autoren sind das jedoch nur Erscheinungen an der Oberfl äche. Sie sehen den Linkstrend in der Tradition politischer Bewegungen neuen Typs, deren Entwicklung in den 1960er und 1970er Jahren unterbrochen wurde. Nicht zufällig beginnt das Buch mit einem Beitrag über Chile. Der Putsch der Generäle und ihrer US-amerikanischen Förderer gegen die Regierung Salvador Allendes 1973 markierte für den gesamten Subkontinent das Ende eines emanzipatorischen Prozesses, der erst viele Jahre später wieder erblühen sollte.
Die „Volksorganisationen“, die Landlosenbewegung Brasiliens, das Bündnis der Indigenen in Ecuador, Argentiniens Bewegung der Arbeitslosen, die bolivianische Cocaleros-Bewegung bildeten die Grundlage für die Erfolge an den Wahlurnen. So ist Lateinamerika laut diesem Buch zu einem sozialen Laboratorium geworden. Dort werden alternative Wege der gesellschaftlichen Entwicklung beschritten, die anderen Regionen als Modell dienen könnten: Solidarwirtschaft statt Markwirtschaft, multiethnische Autonomieregeln statt Zentralstaat, partizipative Ergänzungen der repräsentativen Demokratie.
Gut recherchiert und verständlich geschrieben, vermittelt das Buch Kennern wie Einsteigern ein anschauliches Bild vom Stand der Emanzipation in verschiedenen lateinamerikanischen Ländern. In den sechs Länderstudien und drei Texten zu „Bausteinen einer anderen Welt“ kommen die Erfolge ebenso zur Sprache wie die Schwierigkeiten, vor denen soziale Bewegungen stehen, wenn sie an die Macht gekommen sind.
Norbert Glaser
