Rettet Geld die Welt?
Wo der Philanthrokapitalismus an seine Grenzen stoßen muss
Von Gesine Wolfinger
Geld regiert die Welt“ und „Wer zahlt, bestimmt“ – diese gern zitierten Sprüche über den Einfluss des Kapitals treffen zunehmend in einem Bereich zu, der bisher davon wenig berührt schien: der gemeinnützige Sektor. Seit Mitte der 1990er Jahre übernehmen Megastiftungen wie die des Microsoft-Gründers Bill Gates oder des früheren US-Präsidenten Bill Clinton immer mehr soziale Aufgaben, auch in der Entwicklungshilfe. Die Bill & Melinda Gates-Stiftung hat im vergangenen Jahr mehr als 300 Millionen US-Dollar für ihr Programm „Globale Entwicklung“ zur Verfügung gestellt. Damit fördert sie unter anderem die Vergabe von Mikrokrediten und die Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in Afrika. Hinzu kamen rund 1,2 Milliarden US-Dollar für die Eindämmung von Krankheiten wie Aids, Tuberkulose und Malaria.
Die Stiftung ist ein prominentes Beispiel für ein Phänomen, das die Art, wie Arme und Benachteiligte unterstützt werden, entscheidend verändern könnte: den sogenannten Philanthrokapitalismus. Seine Vertreter kombinieren die Philanthropie – also Wohltaten aus Menschenliebe – mit modernen betriebswirtschaftlichen Methoden. Sie übertragen Managementstrategien wie Effizienz, Finanzkontrolle und Kosten-Nutzen-Denken auf Projekte der Gesundheitsversorgung, der Armutsbekämpfung und der Bildung. Viele von ihnen halten ihre Arbeit für effektiver als die von Regierungen oder anderen Teilen der Zivilgesellschaft. Mit ihren millionenschweren Spenden üben sie politischen Einfluss aus, unterliegen jedoch kaum einer öffentlichen Kontrolle.
Im Zuge dieser Entwicklung sehen sich auch viele nichtstaatliche Hilfsorganisationen (NGO) mehr und mehr dem Anspruch verpflichtet, ihre Mittel möglichst effizient zu verwenden. Grundsätzlich ist das zu begrüßen: Öffentliche Institutionen sowie Spenderinnen und Spender haben ein Recht darauf, dass ihr Geld seinen wohltätigen Zweck so gut wie möglich erfüllt. Doch zum einen ist fraglich, wie sich diese Effizienz überprüfen lässt. Relativ einfach scheint das bei der Verabreichung eines Impfstoffs oder bei der Verteilung von Zelten und Decken – das ist quantitativ zu erfassen. Viel komplizierter zu messen sind soziale Veränderungen, die etwa von der Organisation der Frauen einer Dorfgemeinschaft oder der Aufklärung Benachteiligter über ihre Rechte angestoßen werden.
Zum anderen birgt der starre Blick auf Effizienz die Gefahr, dass sie als Auswahlkriterium für Projekte überbewertet wird. Dann würden im Laufe der Zeit immer weniger „schwierige“ Programme in Angriff genommen, weil das Risiko zu scheitern zu groß scheint – zum Beispiel in einem von Konflikten belasteten Umfeld. Gerade dort kann Hilfe aber besonders nötig sein. Auch die Beteiligung derer, denen die Hilfe zugute kommen soll, an der Planung und Verwirklichung eines Projektes ist betriebswirtschaftlich wenig effizient. Denn sie kostet Zeit – und die ist bekanntlich Geld. Der Blick durch die ökonomische Brille verändert also die Wahrnehmung der Entwicklungshilfe: Sie wird zu einer rein technischen Aufgabe.
Das steht der Auffassung, dass Entwicklung sozialen Wandel bedeutet, fundamental entgegen. Träger dieses Wandels sind gesellschaftliche Bewegungen, die auch die Politik beeinflussen. Gerade diese Bewegungen sieht Michael Edwards, der Direktor der Abteilung Zivilgesellschaft bei der US-amerikanischen Fordstiftung, der vorher lange bei verschiedenen NGOs tätig war, vom Philanthrokapitalismus bedroht: Werte wie Solidarität und Gemeinsinn, die soziale Veränderungen voranbringen, könnten in einer Gesellschaft, die zunehmend von Konkurrenzund Wettbewerbsdenken geprägt ist, verdrängt werden.
Hier liegen auch die Grenzen des Philanthrokapitalismus. Investitionen in Impfstoffe, Medikamente und Mikrokredite mögen hilfreich sein und Leben retten – die Strukturen, die soziale Ungerechtigkeit festschreiben und Millionen Menschen weltweit in Armut halten, verändern sie nicht. Das wäre allerdings auch zuviel verlangt. Warum sollte ein Philanthrokapitalist die Veränderung der Verhältnisse anstreben, die ihn zu seinem Reichtum gebracht haben?
Um die Ungleichheit zu verringern, ist ein größerer Einfluss der Zivilgesellschaft auf die Wirtschaft nötig – nicht umgekehrt. Sie darf sich ihre Stärke, ihre Vielfalt und ihren Mut, für sozialen Wandel einzutreten, nicht durch vollmundige Versprechen der Philanthrokapitalisten nehmen lassen.
Gesine Wolfinger
ist Redakteurin bei „welt-sichten“.
