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welt-sichten. Magazin für Entwicklungspolitik und ökumenische Zusammenarbeit

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Wie eine Überschwemmung zur Katastrophe wird

Heinrich-Josef Wilms
Leben mit der Überschwemmung im ländlichen Bangladesch.
Die Vulnerabilität der betroffenen Menschen und Perspektiven für eine angepasste Entwicklung Bonner Studien zur Wirtschaftssoziologie
Band 28 Shaker Verlag, Aachen 2007
256 Seiten, 30,80 Euro


Bangladesch gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und zu denen mit dem höchsten Katastrophenrisiko. Immer wieder wird es von Wirbelstürmen und Überfl utungen heimgesucht, deren Häufi gkeit und Ausmaß mit dem Klimawandel zunehmen. Das „Leben mit der Überschwemmung“ beschreibt der Geograph und Agrarwissenschaftler Heinrich-Josef Wilms in seiner Studie. Im Mittelpunkt stehen Wahrnehmungen, Verhaltensweisen und Überlebensstrategien der Menschen, die in einer permanenten Risikosituation leben. Zudem beleuchtet der Autor die Faktoren, die sie für Katastrophen verwundbar machen. Er will zur Verbreitung von Entwicklungsansätzen beitragen, die die Katastrophenvorsorge im Blick haben, und stellt hierfür Handlungsempfehlungen zur Diskussion.

Das Buch beruht auf einer empirischen Untersuchung, die der Autor über zehn Jahre in zwei Dörfern einer besonders regenreichen Region durchgeführt hat. Dort verfügt die Bevölkerung über eine Reihe von Strategien, mit Überschwemmungen fertig zu werden. Sie reichen von Vorratshaltung an gesicherten Orten über eine angepasste Bauweise von Häusern und Ställen auf erhöhten Plätzen bis hin zu traditionellen Frühwarnsystemen. Faszinierend ist die Bandbreite an lokalem Wissen und traditionellen agro-meteorologischen Kenntnissen, die sich in Mythen, Märchen, Liedern und Volksweisheiten ausdrücken. Eine Überschwemmung schlägt nur dann in eine Katastrophe um, wenn die üblichen Vorsorgeund Bewältigungsstrategien der Bevölkerung nicht mehr ausreichen.

Die Verletzlichkeit gegenüber Katastrophen wächst mit zunehmender Armut. Wenn Nahrungsmittel knapp sind und die Preise steigen, brauchen die Menschen mehr Bargeld. Sie nehmen Kredite auf und müssen dann oft Vieh oder sogar Land verkaufen, um sie zurückzuzahlen. Sie können nun noch weniger Nahrungsmittel produzieren, Vorratshaltung ist nicht mehr möglich. Im Falle einer Katastrophe stehen sie dann vor dem Nichts. Dieser „Teufelskreis steigender Vulnerabilität“ kann laut Wilms mit gezielter Vorsorge, aber auch mit Hilfe bei der Bewältigung von Katastrophen durchbrochen werden.

Dies zeige die Arbeit lokaler nichtstaatlicher Organisationen im Untersuchungsgebiet. Entscheidend für die Nachhaltigkeit von Vorsorge- und Entwicklungsmaßnahmen ist, die Menschen mit ihren Erfahrungen und ihren Wahrnehmungen in den Mittelpunkt zu stellen. Dazu gehört als wichtiges Element eine partizipative Bewertung, wie verwundbar sie für Katastrophen sind. Die Studie ist nicht nur Bangladesch- Interessierten zu empfehlen, sondern allen, die sich mit Katastrophenvorsorge befassen. Wer sich von der zuweilen etwas wissenschaftlich-trockenen Sprache im theoretischen Teil nicht abschrecken lässt, fi ndet dort auch eine komprimierte Übersicht über die geographische Hazard-Forschung und die Katastrophensoziologie. Zu kurz kommen allerdings die Auswirkungen des Klimawandels. Auch die Verknüpfung der Mikroebene der Dorfgemeinschaft mit den Rahmenbedingungen, die zusammen die Nachhaltigkeit von Entwicklungsmaßnahmen bestimmen, behandelt Wilms nur am Rande. Lesenswert ist seine Studie jedoch allemal.


Roland Fett

welt-sichten 7-2008