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Auf niedrigem Niveau

Die populäre Kritik an der Entwicklungshilfe ist oberflächlich – ebenso wie die Kampagne für mehr Geld

Tillmann Elliesen

Dambisa Moyo ist der neue Stern am Himmel der Entwicklungshilfe-Kritiker. Die in Oxford promovierte Ökonomin aus Sambia tourt seit Monaten von Vortrag zu Vortrag um die Welt. Alle großen internationalen Zeitungen haben Interviews mit ihr gebracht, ihr Buch „Dead Aid“ ist ein Bestseller. Schon der Titel ist eine freche Spitze gegen die „Live Aid“-Konzerte des irischen Rockstars Bob Geldof, der seit Jahrzehnten für eine Aufstockung der Afrika-Hilfe trommelt.

Aber mehr als eine effekthascherische Provokation hat Moyo nicht zu bieten. Die frühere Mitarbeiterin der Investmentbank Goldman Sachs spricht allgemein von Entwicklungshilfe, kritisiert aber letztlich nur Blankoschecks der reichen Länder an afrikanische Regierungen – eine Art bedingungslose Budgethilfe also. Ihre Forderung, die gesamte Hilfe für Afrika innerhalb von fünf Jahren auslaufen zu lassen, ist deshalb weniger spektakulär als sie klingt. Betroffen wäre nämlich nur ein Bruchteil, denn auch in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit fließt das meiste Geld nach wie vor in bestimmte Bereiche wie Gesundheit, Bildung und Infrastruktur oder in Projekte.

Moyo verschwendet keinen Gedanken darauf, welche unterschiedlichen Formen von Entwicklungshilfe es gibt und wo die jeweiligen Stärken und Schwächen liegen. Stattdessen macht sie „die Hilfe“ pauschal für sämtliche Übel in Afrika verantwortlich, selbst für Krieg und Militarismus. Ihre Vorstellung, das Engagement Chinas in Afrika sei im Unterschied zu dem des Westens ein Segen für den Kontinent, ist naiv – ebenso wie ihr Vorschlag, afrikanische Regierungen sollten sich auf den Kapitalmärkten mit Geld versorgen: In der gegenwärtigen Krise dürfte bei Investoren wenig Interesse an Staatsanleihen von Ländern wie Burkina Faso oder Malawi bestehen.

Aber jeder bekommt die Kritik, die er verdient. Entwicklungshilfe-Befürworter Bob Geldof hat in einem Interview gesagt, „Dead Aid“ sei nur deshalb populär, „weil unsere Agenda populär ist“. Das stimmt, aber der Ire sollte darauf nicht stolz sein. Denn Moyo stößt trotz ihrer dürftigen Argumente vor allem deshalb auf soviel Resonanz, weil Geldof und alle anderen, die monoton nach immer mehr Geld rufen, das Niveau der entwicklungspolitischen Debatte weit nach unten geschraubt haben.

Die vor allem von nichtstaatlichen Hilfsorganisationen in den vergangenen Jahren vorangetriebene Diskussion über Entwicklungshilfe ist von einer absurden Konzentration auf ihren Umfang geprägt. Das 0,7-Prozent-Ziel wurde vor Jahrzehnten als Symbol gesetzt, um die Geber zu einer Erhöhung ihrer Leistungen anzuhalten. Heute behandeln es seine Verfechter als magischen Schwellenwert – als ließe sich genau beziffern, wie viel Geld nötig ist, um in Afrika die Armut zu überwinden. Untermauert wird das mit fragwürdigen Rechenexempeln: Mit „zusätzlich 1,3 Milliarden Dollar pro Jahr“ könnte „das Leben von 800.000 Säuglingen in Afrika gerettet werden“, behauptet die Hilfsorganisation Save the Children. Nach derlei Beispielen muss man nicht lange suchen.

Für die Leiterin des britischen Overseas Development Institute, Alison Evans, steht hinter dieser Art Werbung die Vermutung, die Leute könnten „nicht mit Komplexität umgehen“. Die Debatte über Entwicklungshilfe sei entsprechend verflacht – bis in die Politik: Laut der deutschen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul könnten hundert Millionen Euro zusätzlich für Afrika erreichen, „dass 600.000 Kinder mehr zur Schule gehen oder neun Millionen Menschen mit Medikamenten behandelt werden können und nicht an Aids sterben müssen“.

Die oberflächliche Kampagne für mehr Geld und die Behauptung, mit bestimmten Summen ließen sich diese oder jene Fortschritte erreichen, haben dazu beigetragen, dass in der internationalen Entwicklungshilfe kurzfristige Maßnahmen mit möglichst schnellen und leicht messbaren Ergebnissen zunehmend Gewicht erhalten. Beides befördert den Trend, den Hilfsorganisationen andererseits zu Recht beklagen: dass es immer schwieriger wird, Mittel für langfristige Entwicklungsarbeit zu mobilisieren.

Sowohl Dambisa Moyo als auch Bob Geldof sagen, sie wollten, dass die Leute über Entwicklungshilfe reden. Das ist löblich. Aber der Ire sollte sich jetzt wieder dem Singen und die Sambierin dem Investmentbanking widmen


Tillmann Elliesen
ist Redakteur bei welt-sichten

welt-sichten 07-2009

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Benjamin Weber schrieb am 29.07.2009 um 11:30:41
Ihre Kritik an den stetigen Forderungen nach mehr Entwicklungshilfegeldern und den „fragwürdigen“ Rechenbeispielen greift meines Erachtens zu kurz. Es ist tatsächlich so, dass zur Erreichung gewisser entwicklungspolitischer Ziele eine beträchtliche Summe offizieller Entwicklungshilfegelder nötig ist bzw. angesichts neuer Herausforderungen wie dem Klimawandel nötig sein wird. Daher ist die Forderung von Entwicklungspolitikern wie auch Organisationen nach „mehr Geld“ durchaus berechtigt, v.a. vor dem Hintergrund sinkender staatlicher Entwicklungsgelder in manchen Haushalten, siehe Irland oder Italien. Zielmarken wie die 0,7% (des Bruttonationaleinkommens) sind nicht einfach ein „Symbol“, sondern enorm wichtig, denn Regierungen brauchen Ziele für die sie Verantwortung übernehmen und für die sie auch verantwortlich gemacht werden können. Die Rechenbeispiele, die Sie in Ihrem Artikel anführen, sind manchmal tatsächlich schwer verdaulich, aber deswegen nicht unbedingt falsch. Letztlich handelt es sich dabei doch um ein politisches Mittel seine Ziele und Vorstellungen einer breiteren Masse zugänglich zu machen, Menschen zu mobilisieren und Druck auszuüben. Das ist in jedem anderen Politikfeld Gang und Gäbe, warum sollten Entwicklungspolitiker und Aktivisten davon keinen Gebrauch machen.

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Tillmann Elliesen schrieb am 04.08.2009 um 10:11:23
Besten Dank für Ihren Kommentar, Herr Weber. Ja, natürlich ist es gut, mehr Geld zur Verfügung zu haben - das gilt für alle Politikfelder. Aber so wie die Debatte von Leuten wie Bob Geldof geführt wird entsteht der Eindruck, mehr Hilfe bedeute mehr Entwicklung. Ich behaupte dagegen: Für Afrika ist es ziemlich unerheblich, ob die reichen Länder 0,7 Prozent, 0,51 Prozent oder nur 0,38 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung als Entwicklungshilfe zur Verfügung stellen. Viel wichtiger wäre es, dass sie das Geld wirksamer einsetzen. Und das kommt mir in der Diskussion zu kurz.

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Lothar Jakab schrieb am 26.07.2009 um 19:27:00
Über die Lösungsvorschläge von Frau Moyo kann man durchaus trefflich streiten, aber es geht eher um die Botschaft dieses Buches. Und jede oder jeder, der aktiv vor Ort in der Entwicklungshilfe tätig ist, hat sich die Frage bestimmt schon oft selbst gestellt: Warum geht es auf dem Kontinent nicht richtig voran? Aus meiner Sicht schneidet Frau Moyo vor diesem Hintergrund implizit eine wichtige Frage in ihrem Buch an: die Anreizfrage. Welches wäre der richtige Anreiz für Afrika, um seine Zukunft in die Hand zu nehmen? Setzt Entwicklungshilfe JEDER Art die richtigen Anreize (da muss man nicht zwischen Budgethilfe, Projektspenden u.a. differenzieren - lediglich die humanitäre Hilfe klammere ich hier aus)? Und der fachliche Hintergrund von Frau Moyo qualifiziert sie zu finanzwirtschaftlichen einer Analyse, die ich in Welt-Sichten bislang vermisst habe: Wenn ein Staat seine Steuerbasis nicht ausschöpft und kein effizientes Bankensystem zur Steigerung der Sparquote aufbaut, dann kommt der volkswirtschaftliche Entwicklungsprozess nicht in Gang. Das lernt jeder VWL-Student im ersten Semester. Ohne Sparquote keine Einlagen, ohne Einlagen keine KRedite, ohne Kredite keine Investitionen, ohne INvestitionen keine Arbeitsplätze, dadurch keine Steuereinnahmen und Löhne und deswegen keine Spareinlagen - und so wieder von vorne los. Entwicklungshilfegelder unterbrechen diesen Kreislauf und setzen die falschen Anreize, wenn sie auf Dauer angesetzt sind. Wäre es nicht wünschenswert, dass wir alle, die in diesem Sektor tätig sind, einplanen müssten, uns in 5-10 Jahren einen anderen Job zu suchen, weil es dann keine Entwicklungshilfe mehr gäbe? Wäre dies nicht wünschenswert?

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Heidi Schiller schrieb am 03.08.2009 um 14:57:11
Da sprechen Sie ein wahres Wort gelassen aus! Eigentlich sollte Entwicklungshilfe funktionieren wie Interim Management: Manager arbeiten an der Lösung von Problemen. Sie werden dafür bezahlt, das Problem quasi verschwinden zu lassen. Eine besondere Steigerung erfahren hier die Interim Manager: ihr Job ist es, sich selbst überflüssig zu machen. Denn ist ihre Aufgabenstellung erledigt, ist meistens auch ihr Vertrag beendet. Sie gehen. Zurück bleibt - im Normalfall - ein funktionierender Betrieb, eine selbständig arbeitende Abteilung, ein optimierter Produktionsprozess. Was auch immer es ist, es läuft jetzt alleine, ohne die Hilfe des Interim Managers. Sein Job ist beendet. Eigentlich wäre das auch die Aufgabe von Entwicklungshilfe: ihr Job ist es, in Entwicklungsländern Projekte zu initiieren und so zum Laufen zu bringen, dass die Projekte langfristig und selbständig bestehen können. Ohne weitere externe Hilfe. Genau: die Entwicklungshelfer müssten sich - wie Interim Manager - selbst überflüssig machen. Das wäre ihr Job. Finde ich. An dieser Stelle gehen die Meinungen allerdings auseinander. Meistens entsteht sogar eine ziemlich heftige Debatte über den Ansatz von Entwicklungshilfe zwischen den rein humanitären und den wirtschaftlichen Argumenten. Ich beziehe hier gern sehr deutlich Stellung: wer mit wirtschaftlichem Herangehen, ob durch Investitionen oder fairen Handel, zu einer echten Unabhängigkeit von externer Hilfe beiträgt, handelt im humanitären Sinne. Wer dabei auch noch Gewinn erwirtschaftet, kann und wird das sogar langfristig tun. Aus meiner Sicht zum Gewinn beider Seiten.

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Tillmann Elliesen schrieb am 04.08.2009 um 9:55:25
Danke für Ihren Kommentar. Sie sprechen einen wichtigen Punkt an: Jedes Jahr präsentieren die deutschen Entwicklungshilfe-Organisationen ihre Jahresbilanzen. Stolz verkünden sie dann steigende Umsätze und präsentieren neue Projekte. In anderen Branchen wäre das ein Zeichen für Erfolg. In der Entwicklungshilfe ist es umgekehrt: Dort müssten bei erfolgreicher Arbeit die Nachfrage und die Umsätze eigentlich schrumpfen. Das ist aber nicht der Fall, und das zeigt, dass Entwicklungshilfe längst zu einem Geschäft wie jedes andere geworden ist. Und es bestätigt den Verdacht, dass von der Hilfe vor allem die profitieren, die sie verteilen, und weniger die, für die sie gedacht ist.

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