Geschlecht und Gewalt an Südafrikas Schulen
Robert Morrell u.a.
Towards Gender Equality.
South African schools during the HIV/AIDS epidemic
University of KwaZulu-Natal Press, Scottsville 2009,
223 Seiten, ca. 22 Euro
Die Lebensumstände vieler junger Südafrikaner sind nach wie vor von Armut, zerrütteten Familienverhältnissen, HIV/Aids und Gewalt geprägt. Für viele Mädchen gehört sexuelle Gewalt zu den traumatischen Kindheitserfahrungen, die Aids und Teenager-Schwangerschaften zur Folge haben und ihre schulischen Leistungen beeinträchtigen. Um so wichtiger sind Studien südafrikanischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die diese Probleme ergründen.
Einen erkenntnisreichen Einblick in südafrikanische Schulen bietet das Buch des pädagogischen Forscherteams um Robert Morrell. Über viele Monate nahmen die Wissenschaftler am Unterricht in sechs Schulen im Großraum Durban teil. Dazu zählten Township-Schulen, Eliteschulen in weißen Villenvororten sowie Schulen, die während der Apartheid der indisch stämmigen Bevölkerung vorbehalten waren. Zahlreiche Interviews mit Schülern und Lehrern lassen deren Auffassungen über Geschlechtergerechtigkeit und HIV/Aids lebendig werden.
Besonders eindrücklich ist die Dokumentation von Unterrichtsgesprächen. So wird der Umgang mit dem Themas HIV/Aids einer weißen Lehrerin an einer Elite-Schule mit dem didaktischen Ansatz eines schwarzen Lehrers in einer Township-Schule kon-trastiert. Beiden fällt es sehr schwer, über Sexualität zu sprechen. Während der schwarze Lehrer versucht, trotz seiner verinnerlichten Tabus ansatzweise den Bildungsvorgaben zu entsprechen und vage über Kondome zu informieren, gelingt es der weißen Lehrerin nicht, ihre Prüderie zu überwinden. Ihr Unterricht ist ein hilfloses Vortragen und Abfragen von Satzbausteinen, ohne sexuelle Kontakte auch nur mit einem Wort zu erwähnen. Im Unterschied zum schwarzen Lehrer, der seinen Unterricht als Beitrag zur Entwicklung des „neuen Südafrikas“ versteht, hat sie es nicht für nötig gehalten, an einem didaktischen Fortbildungskurs teilzunehmen.
Vor allem ältere Lehrerinnen vermeiden es, die neuen Unterrichtsinhalte zur HIV-Prävention und zur Geschlechtergerechtigkeit zu vermitteln. Eigene unreflektierte Vergewaltigungsmythen und Rollenmuster sowie eine große Desorientierung über den Stellenwert schulischer Bildung halten sie davon ab. Immerhin konzentrieren etliche schwarze Lehrerinnen ihren Unterricht auf die Empathie für Kinder, deren Eltern an Aids gestorben sind. Jedoch sprechen auch sie nicht den Schutz vor Infektionen und den sexuellen Missbrauch von Mädchen an. Im Gegensatz dazu prangern viele Schülerinnen die Vergewaltigungen an. Sexuelle Übergriffe von Schülern oder Lehrern werden meist nicht sanktioniert, hingegen werden schwangere Schülerinnen stigmatisiert. Zahlreiche Lehrer und Schüler interpretieren die neuen Vorgaben zur Geschlechtergerechtigkeit, die Frauenrechte und Gewaltschutzgesetze als Angriff auf ihre Männlichkeit. Sie fordern ihre Macht bei Sexualkontakten gewaltsam ein. Dieses anschauliche Buch zeigt im Detail, dass die Institution Schule wenig dazu beiträgt, der Gewalt Einhalt zu bieten. Das Autorenteam weist nach, wie notwendig umfassende Veränderungen sind, um die Gewaltprägung der Jungen zu überwinden.
Rita Schäfer


