Afrika, Aids und die Kirche
Bartholomäus Grill/Stefan Hippler
Gott, Aids, Afrika
Eine Streitschrift
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
208 Seiten, 17,90 Euro
Der Journalist Bartholomäus Grill, der lange für die „Zeit“ aus Südafrika berichtet hat, und der Priester Stefan Hippler, der dort für die deutsche katholische Gemeinde tätig ist, haben ein eindrückliches Buch geschrieben. Sie schöpfen aus ihren Erlebnissen und Erfahrungen und schildern neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft sowie Lehrreiches im Zusammenleben und -arbeiten mit HIV-Infizierten. Und sie fordern insbesondere Katholiken auf, ihre Einstellung zu Sexualität und Verhütung zu überdenken.
In dem Buch wird die Seelennot spürbar, mit der Hippler an seiner katholischen Kirche und ihrem Festhalten an überkommenen Vorstellungen leidet. Er möchte die Glaubwürdigkeit der Kirche wieder hergestellt wissen, er fordert den Papst auf, mutig den Ballast abzuwerfen und angemessen auf die tödliche Gefahr von Aids zu reagieren, in dem er den Gebrauch von Kondomen für zulässig erklärt. Anrührend sind die Geschichten aus der von Hippler gegründeten Aids-Hilfsorganisaton „Hope Cape Town“ – etwa die des HIV-positiven Paares, das von ihm getraut werden möchte und sich offen zu seiner Infizierung bekennt. Oder die Geschichte von Fareed, der vor seinem Tod noch Geburtstag feiern möchte wie andere Kinder auf der Krankenstation und dessen Wunsch noch in Erfüllung geht.
Grill lässt die Leser teilhaben an seinen Zweifeln, ob er seinen Sohn Leo in das Heim für Aids-Waisen mitnehmen soll, und an seiner Bewunderung für das befreundete Ehepaar, das sich nach langen Überlegungen entscheidet, seinen Sohn weiter vom HIV-infizierten Kindermädchen betreuen zu lassen. Niemand, so wird deutlich, ist gefeit gegen Vorurteile und Ängste, egal wieviel er über HIV und Aids weiß.
Hippler räumt auch auf mit der Vorstellung, dass antiretrovirale Medikamente ein Allheilmittel ohne Nebenwirkungen sind. Als Beispiel nennt er einen Zweijährigen, der todkrank ist, mit Hilfe der Medikamente ein vergnügtes, lebhaftes Kind wird und doch seinen dritten Geburtstag nicht erlebt – vermutlich wurde sein Blut durch das Aidsmedikament AZT übersäuert. Die Autoren fordern die Entwicklung kindgerechter Medikamente.
Kritik äußert das Buch nicht nur an der Kirche, sondern auch an Staaten und Institutionen. Deutschland etwa ließ Mitarbeiter eines Aidsprojektes aus Lesotho nicht einreisen, obwohl sie eine Einladung zum Afrikafestival in Würzburg hatten. Ihre HIV-Infektion wurde ihnen zum Verhängnis. Stephen Lewis, bis 2006 der Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für HIV/Aids in Afrika, zeigt sich in einem Interview frustriert darüber, dass der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki die Pandemie leugnet und bagatellisiert. Grill versucht Mbekis Haltung in Ansätzen verstehbar zu machen. Beide Autoren kritisieren aber auch die Haltung vieler afrikanischer Männer, deren Verhalten es Frauen schwer macht, selbstbestimmten und geschützten Sexualverkehr zu praktizieren.
Dorothea Kerschgens
