„Chinas Zivilgesellschaft weiter entwickeln“
Viele Organisationen in China wissen nicht, wie sie heimische Geldquellen erschließen können
Gespräch mit Qiu Zhonghui
In China bilden sich zunehmend nichtstaatliche Organisationen. Die Arbeit der Amity-Stiftung in Nanjing zielt auch darauf ab, dies zu unterstützen, erklärt ihr Generalsekretär Qiu Zhongui. Die Stiftung fördert Sozialdienste und ländliche Entwicklung in Armutsgebieten Chinas und wird von mehreren kirchlichen Werken in Deutschland und der Schweiz unterstützt.
Die Amity-Stiftung bietet jungen Freiwilligen in China an, sich sozial zu engagieren. Stößt das auf Interesse?
Ja. Gerade junge Menschen sind heute sehr an sozialem Engagement interessiert. Eine ganze Menge bewerben sich – vor allem aus der Region nahe der Ostküste, wo unser Hauptbüro ist –, weil sie uns als Freiwillige unterstützen möchten. Die meisten unserer Projekte zur ländlichen Entwicklung sind aber weit entfernt in Westchina. Dort organisieren wir Projektbesuche, damit sie die Verhältnisse aus erster Hand kennen lernen. Denn viele Jugendliche in Ostchina glauben, dass in ihrem Land überall bescheidener Wohlstand herrscht.
Wo setzen Sie die Freiwilligen ein und wie viele sind es pro Jahr?
Einige Tausend. Die meisten arbeiten in den Sozialdiensten, die Amity vor allem in Nanjing, dem Sitz unserer Zentrale, anbietet. Wir weiten sie nach und nach aus. In den Städten brauchen zunehmend Alte, Behinderte und auch Wanderarbeiter Hilfen. Unsere Sozialdienste unterstützen sie und bieten zugleich eine Plattform für Freiwillige. Das stärkt in der Gesellschaft das Bewusstsein für soziale Probleme. Zudem bildet sich in Teilen Chinas eine Zivilgesellschaft heraus, und wir tragen zum Aufbau von deren Fähigkeiten und Kenntnissen bei: bei Amity selbst und bei anderen nichtstaatlichen Organisationen (NGOs). Zudem ermutigen wir die Kirchen zu mehr Einsatz in der Gesellschaft. Sie sind bisher nicht sehr an sozialer Arbeit interessiert. Das beginnt sich langsam zu ändern. Wir haben nach dem schweren Erdbeben vom Mai auch Freiwillige – in diesem Fall Fachleute von der Universität – in die betroffenen Gebiete geschickt.
Welche Kenntnisse und Fähigkeiten vermittelt Amity?
Wir konzentrieren uns erstens auf Kenntnisse in Sozialarbeit und Entwicklungsförderung; so bieten wir in Zusammenarbeit mit Universitäten Trainingskurse und Workshops in Sozialarbeit an. Zweitens wollen wir Gruppen an der Basis befähigen, sich zu organisieren und untereinander zusammenzuarbeiten. Wenn es mehr NGOs gibt, die Sozial- und Entwicklungsarbeit machen, und die Rollen der Regierung, der Wirtschaft und des dritten, nicht profitorientierten Sektors klar unterschieden sind, ist das gut für unsere Gesellschaft.
Welche Hilfe hat Amity nach dem Erdbeben geleistet?
Wir haben Nothilfe-Material wie Nahrungsmittel und Hygieneartikel besorgt und verteilt, wobei wir uns mit den Behörden jedes Kreises abgestimmt haben. Anschließend sind wir zu Rehabilitation übergegangen. Wir beschäftigen uns auch damit, wie man verhindern kann, dass Erdbeben oder auch Fluten erneut großen Schaden anrichten. Amity plant für mindestens sieben bis acht Jahre weiter in dem Gebiet Unterstützung zu leisten.
Ist der Wiederaufbau der Infrastruktur nicht eine Sache der Regierung?
In den Städten wird das weitgehend die Regierung übernehmen. Sie wird wohl auch in entlegenen Gebieten Straßen wiederherstellen, aber diese Gebiete brauchen auch Hilfe von NGOs. Auf diese Orte konzentrieren wir uns und helfen, Häuser, Schulen oder die Trinkwasserversorgung wieder aufzubauen. Außerdem unterstützen wir die Menschen dabei, die Katastrophe seelisch zu bewältigen. In vielen Gemeinden sind mehr als die Hälfte der Einwohner bei dem Erdbeben umgekommen. Es ist wichtig, jetzt das Gemeinschaftsleben und den Zusammenhalt zu unterstützen. Das entspricht auch unserem Ansatz der integrierten Entwicklung.
Haben sich viele chinesische NGOs an der Nothilfe beteiligt?
Ja. In früheren Katastrophen hatten nicht viele NGOs Hilfe geleistet. Sie sind in China noch jung, vielfach schwach und leiden unter Finanzmangel, da sie nicht wissen, wie sie in der Gesellschaft Geldquellen finden. Nach dem Erdbeben hat sich die Lage geändert. Die Hilfsbereitschaft war in China enorm, und viele Freiwillige und NGOs haben sofort reagiert. Sowohl die Gesellschaft als auch die Regierung haben dadurch gesehen, dass Freiwillige und NGOs in der Nothilfe eine wichtige Rolle spielen. Natürlich waren große, mit der Regierung verbundene Organisationen dabei wie das Rote Kreuz. Aber auch kleine Basis-NGOs haben sich beteiligt und untereinander koordiniert. Dies war das erste Mal, dass eine so große Zahl NGOs an einer Hilfsaktion mitgewirkt hat, und zwar überwiegend mit Geld, das sie in China selbst gesammelt haben. In 30 Tagen hat Amity mehr als zwei Millionen Yuan (rund 184.000 Euro) erhalten, darunter Geld von mehr als tausend Einzelnen.
Bilden sich NGOs in China bisher vor allem lokal und als Reaktion auf Umweltprobleme?
Umweltgruppen sind zahlreicher und aktiver als NGOs in anderen Bereichen, das ist richtig. Sozial tätige Organisationen haben noch große Finanzprobleme.
Seit wann sammeln Sie Geld in China selbst?
Seit vier Jahren. Auch hier hat das Erdbeben die Situation völlig verändert. Wir hoffen, dass wir diese Chance nutzen können, die Zivilgesellschaft weiter zu entwickeln. Viele in China verstehen nicht, wozu man überhaupt NGOs benötigt. Besonders die ältere Generation ist noch von der Planwirtschaft beeinflusst und denkt, dass für alle Probleme die Regierung zuständig ist. Unsere Regierung tut ja einiges für die Armutsbekämpfung. Daher denken manche, dass man das Geld besser ihr geben kann. Die NGOs benötigen ja einen Teil für ihre Verwaltungskosten. Einige mit der Regierung verbundene Organisationen haben deswegen nach dem Erdbeben erklärt: Wir finanzieren aus Spenden keine Verwaltungskosten, daher spendet für uns. Bei Amity haben wir diskutiert, ob wir das auch sagen sollten. Ich habe das abgelehnt, denn es hätte Basis-NGOs in eine noch schwierigere Lage gebracht: Wenn sie kein Geld für ihre Organisation und Verwaltung erhalten, können sie sich nicht auf Dauer tragen. Und in Wahrheit ist es vergleichsweise günstig, das Geld über NGOs zu leiten. Zum Beispiel haben einige Unternehmen für den Wiederaufbau einzelner Schulen gespendet und den Bau vollständig selbst überwacht. Das ist mit Sicherheit sehr teuer – schließlich müssen sie Leute anstellen und in das Gebiet schicken, während wir bereits Projekte und Mitarbeitende dort haben. Zudem ist unsere Hilfe professioneller.
Wer spendet an Amity?
Das ist ganz verschieden: Lehrer, Unternehmer, Leute aus den Kirchen, Rentner, zunehmend auch Studenten – überwiegend aus dem Osten Chinas. Wir sind in Kontakt mit Großunternehmen und hoffen, dass unsere Partner im Ausland uns helfen, zu ausländischen Firmen Zugang zu bekommen. Unser gesamtes Spendenaufkommen ist noch klein, aber es wächst; 2007 erreichte es 2,5 Millionen Yuan. Dieses Jahr wird es wegen des Erdbebens ungewöhnlich hoch sein. Mittelfristig ist es unser Ziel, dass sich auch die Kirchen beteiligen.
Das Gespräch führte Bernd Ludermann.
Qui Zhonghui
ist seit 2004 Generalsekretär der Amity-Stiftung in Nanjing. Sie wurde 1985 von chinesischen Christen als eine der ersten vom Staat unabhängigen sozialen Organisationen in China gegründet.
