Den Bock zum Gärtner gemacht?
Schweizer evangelisches Hilfswerk holt Nestlé-Chef in den Stiftungsrat
Roland Decorvet, der Chef von Nestlé Schweiz, ist in den Stiftungsrat des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) gewählt worden. Diese Entscheidung hat Wirbel verursacht. Während der HEKS-Direktor von einer „Riesenchance“ spricht, fragen sich viele, wie der Geschäftsmann den Spagat zwischen den Anliegen des Hilfswerks und den Interessen des Nahrungsmittel-Multis schaffen will.
Sein soziales Engagement sei Privatsache, ließ Roland Decorvet ausrichten, als nach seiner Wahl durch die Abgeordnetenversammlung des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) Kritik aufkam. Seinen Arbeitgeber habe er nicht gefragt, bevor er das Mandat annahm. Kirchliche Basisgruppen, die sich in der Entwicklungsarbeit engagieren, hegen jedoch Zweifel, ob es Decorvet gelingen wird, die sehr verschiedenen Interessen von Nestlé und HEKS strikt voneinander zu trennen. Diese Zweifel wurden noch genährt, als just zur Zeit seiner Wahl bekannt wurde, dass Nestlé über eine Sicherheitsfirma eine Autorengruppe bespitzelt hatte, die im Auftrag von Attac Schweiz an einem Buch über die Privatisierung von Trinkwasser arbeitete. Auch wenn man das neue Stiftungsratsmitglied nicht vorverurteilen sollte: Es stellt sich die Frage, ob Decorvets berufliches, soziales und kirchliches Engagement wirklich ein glaubwürdiger Grund für seine Wahl war, wie SEK-Ratspräsident Thomas Wipf betont. Im Hintergrund steht ja eine multinationale Firma, die – angefangen beim Skandal um die rücksichtslose Vermarktung von Babynahrung über die Behinderung freier Gewerkschaftsarbeit auf den Philippinen bis hin zur forcierten Wasser-Privatisierung – alles andere als vorbildlich wirkt.
Doch es geht um mehr als um eine umstrittene Personalentscheidung. Die Wahl des Nestlé-Mannes in den HEKS-Stiftungsrat muss im Lichte der seit Jahren gerade auch vom SEK angestrebten schleichenden Entpolitisierung der kirchlichen Entwicklungsarbeit betrachtet werden. Sie läuft darauf hinaus, im so genannten Dialog mit einer zunehmend globalisierten und gewinnorientierten Wirtschaft einen „gesellschaftsverträglichen“ Konsens für nachhaltige Entwicklung zu finden. Diese Ziel ist allerdings so nicht zu erreichen. Die kirchlichen Hilfswerke haben sich „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ als Richtschnur für ihre entwicklungspolitische Tätigkeit auf die Fahne geschrieben. Sie werden nicht darum herumkommen, auf möglicherweise schmerzhafte wirtschaftspolitische und gesellschaftliche Veränderungen hinzuarbeiten. Auch wenn sie sich dabei nicht unbedingt den Applaus der Mächtigen holen.
Urs A. Jaeggi
