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Der Bart ist ab

Marc Thörner
Der falsche Bart.
Reportagen aus dem Krieg gegen den Terror
Edition Nautilus, Hamburg 2007,
160 Seiten, 13,90 Euro


Wer sich einen falschen Bart anklebt, will gemeinhin etwas vortäuschen oder verbergen. Der Journalist und Islamwissenschaftler Marc Thörner hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Bart abzureißen und die Täuschungen im Krieg gegen den Terror aufzudecken – und er bewältigt das auf sehr informative Art. Seine Eindrücke und Erkenntnisse stammen aus dem Irak, aus Afghanistan, Ägypten, Marokko, Algerien, Tunesien und Pakistan. Mit großer Sachkenntnis gibt Thörner alarmierende Einblicke in die dunklen Zonen der Terrorbekämpfung, die jenseits öffentlicher Verlautbarungen zu finden sind. Die Politik europäischer Staaten und der USA hat er dabei ebenfalls im Blick.

Der Terror lasse sich nicht dadurch bekämpfen, „dass man Diktatoren unterstützt, denn diese brauchen den Extremismus, um überleben zu können“, so Thörner. Er deckt auf, dass die diktatorischen Regierungen der genannten Länder den islamischen Extremismus nicht bekämpfen, sondern ihn – direkt oder indirekt – unterstützen. Drohungen, Ultimaten oder militärische Interventionen sind jedoch keine erfolgversprechenden Gegenstrategien. Langfristig sind nur durch Korrekturen in der westlichen Außen- und Entwicklungspolitik Erfolge zu erwarten. Mehr Geduld und interkulturelle Kompetenz sind gefragt.

In Ägypten besteht der falsche Bart darin, dass die Regierungspartei NDP (National Democratic Party) hinter den Kulissen enge Kontakte zur Muslimbruderschaft unterhält. Während die Regierung eine moderne Interpretation des Islam massiv behindert, gebärdet sich Präsident Hosni Mubarak „vor allem der US-Hilfsgelder wegen als Kämpfer gegen den Islamismus“.  In Algerien unterstützt  Frankreich und mit ihm die Europäische Union (EU) bis heute eine Militärregierung, von der bekannt ist, dass ihre Agenten seit Mitte der 1990er Jahre im Gewand von Islamisten selbst vermeintlich „islamistische Anschläge“ verübt haben, um sich dem Westen als Retter und Partner anzudienen. Am Beispiel Marokkos erläutert der Autor, wie westliche Staaten die Verfestigung eines Gottesstaats nachdrücklich gefördert haben. In Pakistan spricht er mit den Führern angesehener Madrassen und beleuchtet die Ausrichtung dieser islamischen Ausbildungsstätten.

Kritisch  werden  deutsche Doppelstandards im Zusammenhang mit dem Andidschan-Massaker in Usbekistan betrachtet. Im Jahr 2005 hatte dort Innenminister Sakir Almatow auf eine Protestdemonstration schießen lassen, mehrere hundert friedliche Demonstranten wurden getötet. Die EU verhängte Sanktionen, Deutschland hielt sich als einziges Land nicht daran. Auch in Zukunft wolle man die Frage der Luftwaffenbasis Termes in Usbekistan nicht mit der Frage der Menschenrechte verbinden, so das Auswärtige Amt. Nach Ansicht Marc Thörners geht es dabei aber in Wahrheit um etwas ganz anderes: um starke wirtschaftliche und geostrategische Interessen.


Wolf Poulet