„Die Ambivalenz der Religion akzeptieren“
Glaubensvorstellungen fördern oder beeinträchtigen den Erfolg von Projekten
Gespräch mit Anne-Marie Holenstein
Religion und Spiritualität prägen in vielen armen Ländern das Zusammenleben und auch die Entwicklungsvorstellungen. Ihre Wirkungen sind zweischneidig und von Fall zu Fall verschieden, betont Anne-Marie Holenstein. Sie koordiniert das Projekt „Rolle und Bedeutung von Religion und Spiritualität in der Entwicklungszusammenarbeit“, an dem die Schweizer staatliche Entwicklungsagentur DEZA, Schweizer nichtstaatliche Organisationen sowie deren Partnerorganisationen vor Ort beteiligt sind.
In Entwicklungsprojekten ist der Einfluss der Religion lange vernachlässigt worden. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ich vermute, das hat mehrere Gründe. Erstens war die Entwicklungszusammenarbeit lange von der Vorstellung nachholender Entwicklung geprägt. In diesem Konzept hatten immaterielle Faktoren kaum Platz. Zweitens hat man Entwicklung mit Modernisierung gleichgesetzt, die überalterte Traditionen und auch die Religion überwinden soll. Drittens stammt das Personal der Entwicklungsorganisationen großenteils aus Schichten mit westlicher Bildung in Human- und Sozialwissenschaften. In dieser Subkultur herrscht ein Weltbild vor, nach dem Religion eine Privatsache ist und es zur Professionalität gehört, Privates und Berufliches zu trennen, also Religion in der Entwicklungsarbeit auszublenden. Meiner Ansicht nach gehört es zu den professionellen Anforderungen der Entwicklungszusammenarbeit, die Bedeutung von Religion und Spiritualität vorurteilsfrei wahrzunehmen. Man muss sich um Verständnis für die Tiefenstrukturen des Alltagslebens bemühen: Welche Rolle spielen Religion und Spiritualität in den Entwicklungsvorstellungen der Betroffenen und welche Wirkungen haben sie auf die Akzeptanz von Veränderungsprozessen?
Die Vernachlässigung der Religion kann den Erfolg eines Projektes behindern und die Beachtung der Religion ihn fördern?
Ja. Und man muss Potentiale und Risiken zusammen sehen. Die wichtigste Einsicht aus unseren nun sechs Jahre dauernden Lernprozessen ist, dass man die Ambivalenz des Religiösen akzeptieren muss. Selbst wenn es die an sich gute Religion gibt, werden religiöse Vorstellungen in der Realität stets von unvollkommenen Menschen in einer unvollkommenen Welt interpretiert und gelebt. Darum sind sie immer den Ambivalenzen ausgesetzt, die jedes menschliche Tun prägen. Religiöse Vorstellungen sind starke Triebkräfte der Motivation und der Ethik, sie können aber auch als Machtmittel missbraucht werden.
Können Sie ein Beispiel schildern?
mission 21 hat Beobachtungen zu Hexerei (Witchcraft) und HIV/Aids in Afrika südlich der Sahara ausgewertet, wonach Hexerei eine spirituelle Ressource sein kann, um in schwierigen Situationen zu überleben. Sie kann als Schadenzauber aber auch ganz schlimme Wirkungen haben. In kirchlichen Projekten für Aids-Prophylaxe hat man immer wieder beobachtet, dass die besten Argumente für die Benutzung von Kondomen nicht den nötigen Erfolg hatten. Bei der Frage nach den Gründen dafür ist man darauf gestoßen, dass Menschen Sicherheit im Schadenzauber der Hexerei suchen und darauf mehr vertrauen als auf die Angebote der westlichen Medizin.
Sie haben auch ein Projekt ausgewertet, bei dem in Afghanistan Geistliche in Bildungsvorhaben einbezogen wurden. Was hat sich dort gezeigt?
Es handelt sich um ein Projekt von swisspeace von 2002 bis 2005. In dieser Phase wurden in Afghanistan zivilgesellschaftliche Organisationen aufgebaut, die eine wichtige Rolle für den Aufbau des Staates spielen sollten. 2003 wurde über eine neue Verfassung abgestimmt, 2004 gab es Präsidentschafts- und 2005 Parlamentswahlen. Susanne Schmeidl arbeitete im Auftrag von swisspeace mit afghanischen Organisationen, die staatsbürgerliche Erziehung machten und aufklärten, worum es bei den Abstimmungen überhaupt ging. Dabei war auf dem Land damit zu rechnen, dass der Staatsaufbau mit Modernisierung identifiziert würde, und dagegen gibt es ganz starke Widerstände. Die Frage war: Wer kann in diesem Umfeld zur Akzeptanz des Prozesses beitragen? Als eine Gruppe hat man die Mullahs identifiziert. Wenn sie geneigt sind mitzuarbeiten, können sie Einfluss ausüben. Sie können zum Beispiel Frauen erreichen, denn in der afghanischen Gesellschaft dürfen außer den Mullahs keine Männer Frauen und Mädchen unterrichten. Zudem sind die Dorfmoscheen Versammlungsorte, zu denen auch Frauen Zugang haben. Es war eine wichtige Legitimation der staatsbürgerlichen Frauenbildung, dass Mullahs sich dafür eingesetzt und erklärt haben, das widerspreche nicht dem Koran.
Religiöse Würdenträger haben sich in Afghanistan dafür eingesetzt, Frauen zu ermutigen, zum Beispiel zur Wahl zu gehen?
Ja, und offenbar mit einigem Erfolg. Das hat eine Gegenreaktion ausgelöst: Zum Teil wurde das Engagement der Mullahs als Regierungspropaganda interpretiert, weil Demokratie als westliches Konzept wahrgenommen wurde. Es sind sogar Mullahs deshalb von konservativen Kräften ermordet worden.
Sie haben auch Entwicklungsarbeit in Ägypten untersucht. Dort lebt neben der muslimischen Mehrheit die wichtige Minderheit koptischer Christen.
In Ägypten haben uns Christen und Muslime darauf aufmerksam gemacht, dass bis in die 1950er Jahre Christen, Muslime und Juden ganz selbstverständlich zusammengelebt hatten. Heute muss man leider eine zunehmende Abschottung zwischen den Religionen feststellen. Viele Christen emigrieren, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen. Juden gibt es inzwischen nur noch sehr wenige. Die wachsende religiöse Polarisierung hat viele Gründe, unter anderem die internationale Nahostpolitik, die Regierungspolitik – islamische Strömungen wurden zeitweise instrumentalisiert und zeitweise unterdrückt – und dieVerschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen.
Hat die Entwicklungsarbeit dort besondere Schwierigkeiten, weil sie als Einwirkung aus westlichen, christlichen Ländern wahrgenommen wird?
Das ist tatsächlich ein Problem. Auch der Einsatz für die Menschenrechte in Ägypten wird von vielen Ägyptern als pro-westliche Tätigkeit empfunden. Die Caritas Ägypten, die zur weltweiten katholischen Caritas-Familie gehört, hatte immer einen sehr offenen Ansatz: Ihre Schulen und sozialen Dienste sollten allen Bevölkerungsgruppen offen stehen. Es wird aber zunehmend schwieriger, diesen Ansatz durchzuhalten.
Welche Ratschläge kann man insgesamt für die Entwicklungsarbeit geben?
Grundsätzlich muss die Entwicklungsarbeit immaterielle Dimensionen anerkennen, darunter Religion und Spiritualität. Dabei sollten erstens religiöse Faktoren nie isoliert von sozialen und politischen betrachtet werden, das führt zu gefährlichen Verkürzungen. Zweitens muss man Potentiale und Risiken religiöser Faktoren genau beobachten. Drittens sollte immer zwischen organisierter Religion und ihren offiziellen Vertretern sowie der Alltagsspiritualität auf der Ebene der Projekte unterschieden werden. Das erfordert einen tiefen Blick in das Gewebe der Lebenswelten. Allgemeine Rezepte gibt es hier nicht – wichtig ist die Annäherung von Fall zu Fall.
Ist das nicht ein hoher Anspruch an die, die Projekte betreuen und meistens – wenn überhaupt – nur kurz im Projektland leben?
Ja, das stellt hohe Anforderungen an die Professionalität und die Ausbildung der Programmverantwortlichen. Man muss aber nicht selbst jahrelang in einem Land gelebt haben. Sondern das Verständnis der Alltagsreligion muss Gegenstand des Dialogs mit den Partnern am Ort sein und in die Steuerung der Projekte integriert werden – bei der Planung, Durchführung und Evaluation.
Das Gespräch führte Bernd Ludermann.
Zwei Reader mit Ergebnissen des DEZA-Projekts sind elektronisch unter www.deza.admin.ch verfügbar.
Anne-Marie Holenstein
ist freie Beraterin für Entwicklungszusammenarbeit und Koordinatorin eines Projekts zur Rolle von Religion in der Entwicklungsarbeit. Von 1995 bis 2000 war sie Direktorin des katholischen Hilfswerks Fastenopfer in Luzern
